Zum Nachmittag gibt es Löwen
So war Ellys Plan. Elly drehte auf dem Sandweg den Land Cruiser und fuhr eine kleine Strecke unseren Weg zurück. Wir blieben stehen und blickten zurück in die Baumsavanne hin zu den Elefanten. Von Ellys rasantem Kehrt-Marsch nahmen die Elefanten gar keine Notiz. Zu sehr waren sie mit Fressen und Hüten der kleinen Elefantenkälber beschäftigt. Als wir weit genug von den Elefanten entfernt waren, setzte Elly zum Spurt an. Es ging schnell, sehr schnell. Die Landschaft zog nun auf einmal schnell an uns vorbei. Ich habe überlegt, wie ich das Gefühl mit der vorbeiziehenden Natur treffender beschreiben könnte. Mir fiel nur der englische Begriff dafür ein: „scenery whizzing by“. Der Land Cruiser nahm die Bodenwellen gar nicht mehr wahr. Vom Cruisen zum Rasen.
Achtung, Perlhuhn mit Helm!
Aber einfach nur rasen geht nicht, auch hier gelten Vorfahrtsregeln. Von jetzt auf gleich ging Elly auf die Bremse. Hier vor uns: ein Zebrastreifen, eine Ampel, die auf Rot geschaltet hat. Okay, jetzt warten. Vor uns eine Hühnerfamilie. Sie trotteten langsam auf dem Sandweg entlang. Sie blieben stehen, sie scharrten und nur allmählich wanderten sie zur Seite. Auch das gibt es eben hier in der Savanne. Für Elly war es keine neue Situation. Muss er doch immer wieder von jetzt auf gleich die Bremse reinhauen. Die Tiere gehen vor, haben immer Vorfahrt. Und diese Perlhühner sind mit die unerschrockensten Bodenvögel hier in der Savanne. Vielleicht liegt es an ihrer Ausstattung?
„Schaut euch die Hühner mal genauer an. Was haben die wohl auf dem Kopf?“, fragte Elly. Ja, wir hatten ja Zeit und so hatten wir gezoomt. Ja, die Perlhühner hatten eine ganz interessante Kopfbedeckung. „Sie heißen auf Deutsch Helmperlhuhn – eben die mit dem Helm!“, so sprudelte es aus Elly heraus.
Während unserer Wartezeit war Elly weiter am Walkie-Talkie. Er hatte sich vergewissert, ob die Löwen noch am letzten Standort waren. Denn zum Nachmittag sollte es ja Löwen geben. Nach 10 Minuten ging es dann endlich weiter. Elly setzte wieder zum Spurten an und nun blieb die „Autobahn“ bis zu den Löwen frei.
Ein Löwe – Big Five und jetzt nur noch zwei
Gerade vor uns stand bereits ein Jeep, und so war schnell klar: Wir waren am Ziel. Dem Ziel, die gesamte Truppe der „Big Five“ zu sehen, kamen wir somit ein wenig näher. Zwei der Big Five, den Elefanten und den Büffel, konnten wir ja schon für uns verbuchen – und nun auch einen Löwen. Jedenfalls einen der vielen Löwen hier in Tansania. Aber sehen konnten wir ihn noch nicht. Irgendwo dort auf der rechten Seite sollte er sein. Irgendwo dort lag er im hohen Gras und machte keine Anstalten, sich uns zu zeigen.
Also musste Elly seine Geheimwaffe auspacken. Er musste anfangen zu „umpen“. So legte er also los. Es schallte „Ump, ump, ump“ rüber ins hohe Gras. Nach nur ein paar „Umpen“ tauchte endlich der Löwe auf. Da stand er nun im hohen Gras, schaute zu uns, schaute nach vorne und schaute nach hinten. „Feind oder Freund?“, wird er wohl gedacht haben. Sichtlich angetan war er vom Umpen nicht und setzte sich wieder hin. Auch wenn er nicht weiter reagierte, so machten wir unsere Fotos. Erst vom stehenden und dann vom sitzenden Löwen. Es war noch ein junges männliches Tier; seine Nase war noch rosa pigmentiert und es war noch keine Löwenmähne in Sicht.
Elly setzte jetzt wieder zum Umpen an, dieses Mal mit einem tieferen Ton. Der Löwe blieb sitzen, schaute nach vorne, nach rechts und nach links. Dann endlich stand er wieder auf. Er ging ein paar Schritte und setzte sich wieder hin. „Wow, das kann ja noch dauern“, dachte ich bei mir.
Geduld bei der Löwenbeobachtung
„Bei Tierbeobachtungen zahlt sich Geduld aus“, meinte Elly. Ja, wir hatten Geduld, waren wir doch extra für die Safari hierhergekommen. „Geduld ist mein zweiter Vorname“, dachte ich so bei mir. Aber dann endlich stand er wieder auf und kam in unsere Richtung. Das Gras ist hier überall so hoch, dass man einen Löwen beim Gehen einfach nicht ausmachen kann. „Hatten wir ihn verloren? Wo ist er jetzt?“ Die Kamera blieb im Anschlag. Und da stand er nun – wie Simba auf seinem Berg – direkt bei uns am Wegesrand. Aber dieser junge Löwe war nicht allein; es schwirrten etliche Fliegen um ihn herum. Während unserer Safari war die Fliegen- und Mückenplage eigentlich nicht schlimm gewesen, so war jedenfalls unser Eindruck. Doch um ihn herum wimmelte es nur so von Fliegen. Wie schlimm muss es erst sein, wenn die Insektenpopulation wirklich hoch ist!
Er schüttelte den Kopf, klappte die Ohren an und kniff die Augen zu. Und schwupp – schon waren die Fliegen auf seinem Rücken. Lange konnte ich nicht darüber nachdenken, denn nun wanderte der Löwe über den Weg rüber zur anderen Seite. Er tat uns den Gefallen und blieb direkt neben uns auf dem „Fußgängerweg“ stehen.
Ein junger Löwe zum Warmwerden
Es war nun unser erster Löwe hier auf der Safari in Tansania, im Tarangire Nationalpark. Ein Löwe zum Warmwerden. Wie wollen wir ihn fotografieren? Sind Videos sinnvoller? „Wir sind nun bereit für alles, was noch kommt – Big Five & Co.“, kam es mir über die Lippen. Elly und Bernd lachten und stimmten mir zu.
„Schaut mal auf sein Fell! An den Pfoten bis zum Bauch hat er noch das typische gefleckte Fell“, klärte uns Elly auf. „Jetzt könnt ihr aus direkter Nähe auch die ‚Follow-me-signs‘ sehen“, so Elly. Ja, das stimmt. Der Löwe wanderte neben unserem Land Cruiser her, und über den Zoom der Kamera konnte ich darüber hinaus noch viel mehr erkennen. Der Löwe hatte auch etliche Zecken. Das bleibt einfach nicht aus. An dem Löwen ging unser Fachsimpeln total vorbei, und auch wenn wir ihn noch gerne genauer studiert hätten, wanderte er nun auf dieser Seite weiter ins hohe Gras. Elly wollte den Löwen nicht einfach ziehen lassen und fing wieder an zu „umpen“. Und als Dankeschön hat dieses Mal der Löwe geantwortet! Während er durch das hohe Gras strich, ertönte immer wieder ein tiefes „Ump“.











