Nacht-Pirschfahrt im Tarangire
Die Savanne in der Nacht
Nach dem erlebnisreichen Nachmittag ging es für uns erst einmal in die Lounge zum Abendessen. Unser Platz war perfekt gelegen: Er ließ es zu, in die Ferne zu blicken und den malerischen Sonnenuntergang quasi als Nachtisch zu genießen. Danach musste es schnell gehen. Elly und der Massai warteten bereits am Land-Cruiser auf uns. Elly saß am Steuer und der Massai – unser vermuteter Camp-Leiter – auf dem Beifahrersitz, bestückt mit einer riesigen Taschenlampe. Für diese massive Lampe gab es im Land-Cruiser extra eine Spezial-Steckdose, damit sie auch wirklich die volle Power aufbrachte.
Und dann ging es los. Wieder führte uns die Fahrt hinunter von unserer Felsformation, hinein in das große Dickicht. Zwischen all den Bäumen und Sträuchern war es nun noch dunkler; die letzten sanften Sonnenstrahlen wurden von dem dichten Blattwerk einfach verschluckt. Unten angekommen, ging das Abenteuer auf den verzweigten Sand- und Schotterwegen erst richtig los.
Der Massai knipste seine Lampe an und leuchtete mal links, mal rechts, mal geradeaus ins tiefe Dunkel. Dann wanderte der Schein einen Baum hoch und wieder runter, blitzte ganz vorne in die Sträucher und tastete sich dann wieder weiter weg. Er suchte – ja, er suchte unaufhörlich nach den Tieren. Genauer gesagt: nach ihren Augen. Augen, welche beim Anstrahlen im Dunkeln wie kleine Blitze zurück leuchteten.
Und dann zeigten sich auch schon die ersten Bewohner der Nacht. Eine Wildkatze lief vor uns den Weg entlang, sie humpelte ein wenig. Viel konnten wir im fahrigen Scheinwerferlicht allerdings nicht von ihr erkennen, nur etwas Hellbraunes im Gebüsch hinter den Sträuchern. Kurz darauf tauchte eine Giraffe auf. Auch wenn ich mich vorher nicht auf die schwierige Belichtung in der Dunkelheit vorbereitet hatte, ist das kleine Video mit ihr doch ganz normal und vor allem echt geworden.
Am schönsten war im ersten Moment ein Graureiher, der in einer kleinen Wasserstelle stolz vor sich hin stolzierte – der majestätische Vogel und im Wasser sein perfektes Spiegelbild.
Von „Klobrillen“ und Elefanten im Fressmodus
Links neben uns tauchte kurz darauf eine Gruppe von Ellipsen-Wasserböcken auf. Sie sind im Dunkeln wunderbar erkennbar an ihrer markanten „Klobrille“ – jener weißen Umrandung am Hinterteil, nach der dieser Wasserbock seinen einprägsamen Namen bekommen hat.
Direkt am Wegesrand hatte bis eben noch ein Elefant gestanden, der sich dann beim Herannahen des Wagens doch ganz schnell ins schützende Unterholz verzog. Er trottete etwas schneller davon, die großen Ohren wackelten aufgeregt und der Schwanz ging – ganz wie bei einem Warzenschwein – steil in die Höhe. Dann war er auch schon weg.
Der Massai war wirklich ein absoluter Profi in seinem Job. Auch wenn er ab und zu sehr rasant mit der Lampe hin und her schwenkte, bewies er ein unglaubliches Gespür im Aufspüren der nachtaktiven Tiere. Dass Elefanten übrigens auch nachts hellwach und aktiv sein können, hatte uns Elly ja schon erzählt. Die Dickhäuter haben ihren ganz festen Rhythmus und nutzen die kühlen Nachtstunden intensiv als Fresszeiten.
Eine Kleinfleck-Ginsterkatze auf der Überholspur
Dann gab es gleich neben unserem Land-Cruiser die nächste Raubkatze zu bestaunen. „Das ist eine Kleinfleck-Ginsterkatze, sie kommt hier in Tansania öfters vor“, erklärte uns Elly. Genau diese Katzenart hat einen auffallend langen, buschigen Schwanz mit wunderschönen schwarzen Ringen.
Erst sah es danach aus, als wenn sie im Unterholz verschwinden wollte, aber unser Lichtkegel ließ sie fasziniert innehalten – ganz so, wie man es auch von unseren Wildtieren in Europa kennt. Sie blickte nun direkt in unsere Richtung, die Augen funkelten im Scheinwerferlicht, die Schnauze war ein wenig geöffnet und die Zunge blitzte ein Stück weit hervor. Dann setzte sie sich tatsächlich hin! Mit ihren großen, aufgestellten Ohren wirkte sie mehr als aufmerksam.
Schließlich machte sie sich wieder auf und ging ganz gemächlich vor unserem Fahrzeug über die Schotterpiste. Nun hatten wir die perfekte Gelegenheit, sie ganz genau zu betrachten: ein kleiner, zierlicher Kopf mit großen Ohren und den markanten schwarzen Streifen unter den Augen. Der Körper lauernd, zierlich, wohl durchtrainiert und mit den typischen dunklen Flecken gezeichnet. Nur der extrem lange, buschige Schwanz wollte rein von den Proportionen her so gar nicht zum restlichen Körper passen.
Während die Katze vor uns her schlenderte, erzählte uns Elly einiges zu ihrer Lebensweise. Wir fühlten uns ein bisschen wie im Fliegenden Klassenzimmer mit unserem Lehrer Elly! „Diese Katzen sind hervorragende Jäger. Ihre Erfolgsquote liegt weit über 50 Prozent, das ist in der Tierwelt schon sehr beachtlich!“, staunte er. „Da die Tiere normalerweise extrem scheu sind, ist es schon etwas ganz Besonderes, wenn sie einfach so entspannt vor uns her wandert“, meinte Elly weiter.
Eine lächelnde Hyäne und das Geheimnis der schlafenden Vögel
Als Nächstes kreuzte eine Hyäne unseren Weg. Ihr Schwanz war eher ängstlich zwischen die Beine geklemmt, und im Scheinwerferlicht leuchteten ihre Fußballen plötzlich rosa auf. Aha! Wieder was gelernt: Hyänen haben also keine schwarzen Fußballen, sondern ganz helle! Ihr Fell hatte natürlich die typischen schwarz-grauen Punkte, und der Schwanz war eher kurz, aber sehr buschig, endend in einem schwarzen Puschel.
Und die Hyäne lächelte! Ja, durch das leicht geöffnete Maul sah es tatsächlich so aus, als ob sie uns anlächeln würde. Kurz bevor auch sie zwischen den Sträuchern verschwinden wollte, hielt sie noch einmal inne und blickte zurück zu uns ins Licht. Ihre Augen sahen aus wie zwei kleine, brennende Scheinwerfer – so intensiv reflektierte sich der Lampenschein in ihnen. Entgegen meiner Vermutung verschwand sie aber nicht im dichten Buschwerk, sondern blieb einfach links am Wegrand. Auch sie schlenderte nun ganz gemächlich vor uns her. Erst blieb sie links, dann ging sie wieder in die Mitte, trottete nach rechts… Ganz so, wie man es manchmal von Radfahrern gewohnt ist – man weiß nie, was sie im nächsten Moment tun!
Dik-Dik als scheuer Zaungast
Erinnert ihr euch? An unserem ersten Tag in der Arumeru River Lodge hatte ich ja erwähnt, dass die kleinen Dik-Diks extrem scheue Tiere sind und man sie nur selten zu Gesicht bekommt. Okay, in der Lodge hatten sie sich an die Menschen gewöhnt, sich angepasst und ihre Scheu abgelegt. Aber in der echten Wildnis sieht das natürlich ganz anders aus.
Und jetzt, hier in der tiefen Dunkelheit des Tarangire, durften wir tatsächlich ein wildes Dik-Diks betrachten! Das kleine Tierchen hielt für einen kurzen Moment inne. Ganz so, wie es unsere heimischen Rehe machen, blieb auch dieses Dik-Dik wie angewurzelt stehen. Die Ohren waren seitlich aufgestellt, die Augen starr in unsere Richtung gerichtet. „Ja, bleib bitte genau so ruhig stehen“, flehte ich im Stillen, denn die Kameras hatten es in der Nacht ohnehin schwer genug, ein scharfes Foto zu produzieren.
Es war ein wunderschöner, filigraner Anblick: die dunklen Knopfaugen mit den schwarzen Flecken darunter und der kleine schwarze Punkt auf der Nasenspitze. In der Lodge waren mir ihre besonderen Hinterbeine gar nicht aufgefallen: kurze Oberschenkel, aber extrem lange Unterschenkel – die perfekte biologische Konstruktion, um blitzschnell aus der Hinterhand davonzuspringen. Und schwupps, weg war es auch schon!
Gleich darauf gab es wieder eine Wildkatze zu sehen, die sich vom Scheinwerferlicht ebenfalls völlig unbeeindruckt zeigte und gemächlich vor uns herlief. Ich hatte gerade noch insgeheim gedacht: „Ok, die Kleinen bleiben cool und die Großen flüchten“, da zeigte sich uns plötzlich ein gewaltiger Giraffenbulle. Leider sind meine Fotos hier nicht ganz scharf geworden, aber die mächtige Silhouette dieses riesigen Bullen ist unverkennbar.
Von Madenhackern auf seinem Rücken allerdings keine Spur. Was machen die nützlichen Vögel eigentlich nachts? Gehen sie ruhen? Wo schlafen sie? Aber wozu hatte ich Elly: „Auch wenn du gerade keinen siehst: In der Regel schlafen die Madenhacker direkt auf den Büffeln, den Giraffen und auch auf den Zebras“, erklärte er uns fachmännisch.
Der Jackpot vor dem Kühlergrill
Dass manche Vögel nachts aber keineswegs schlafen, sondern aufgeregt vor einem herlaufen, bewies uns kurz darauf ein kleiner Vogel auf zwei langen Stelzen.
„Das ist euer Hauptgewinn!“, schoss es plötzlich aus Elly heraus. „Solche Vögel, die Wassertriele, bekommt man nachts nur höchst selten zu Gesicht!“
Und wir hatten ihn direkt vor unserem Land-Cruiser! Okay, die Fotos sind durch die Bewegung leider nichts geworden, aber allein das pure Erlebnis mit diesen nacht- und dämmerungsaktiven Vögeln war unbezahlbar. Auch für Elly war es etwas Besonderes, denn selbst als erfahrener Guide bekommt er diese Tiere kaum zu sehen.
Und dann trafen wir den wohl aktivsten Nachtvogel überhaupt: eine Eule. Dieses Mal konnte Elly zwar nicht genau bestimmen, um welche Eulenart es sich handelte, aber dass sie direkt vor uns auf dem Weg saß, war wieder ein magischer Moment. Einen Augenblick blieb sie sitzen, drehte uns aber partout nicht ihren Kopf zu. Dann erhob sie sich elegant in die Lüfte. Der Massai leuchtete perfekt aus und Elly bewies absolute Wachsamkeit, steuerte den Wagen extrem vorsichtig durch die Nacht und ließ jedem Tier geduldig den Vorrang. Die Eule zeigte sich vom hellen Schein völlig unbeeindruckt. Nach einer kurzen Weile landete sie einfach ein Stück weiter wieder direkt vor uns auf der Schotterpiste.
Wenn es eben schon Wasserböcke gab, durften die Antilopen natürlich nicht fehlen. Es war eine Herde Impalas, unverkennbar an ihrem Hinterteil: ein weißer „Teller“ mit schwarzen Außenstreifen und einem kleinen, braunen Stummelschwanz. Diese Farbkombination ist für die Tiere bei einem Angriff von Löwen überlebensnotwendig. Werden sie gejagt, schnellt der Stummelschwanz in die Höhe. Fühlen sie sich in die Enge getrieben, geht der Schwanz abrupt wieder runter – und die verfolgenden Löwen sind für einen kurzen, entscheidenden Moment irritiert. Auf einer kleinen Lichtung durften wir schließlich die ganze, riesige Antilopenherde im Scheinwerferlicht bewundern.
Überraschung auf dem Rückweg
Wie genau wir gefahren waren – ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Aber irgendwie mussten wir wohl im Kreis gefahren sein, denn auf einmal standen wir wieder an der kleinen Wasserstelle vom Anfang. Und tatsächlich: Der Graureiher war immer noch da! Der Graureiher, die spiegelnde Wasserpfütze und sein ungerührtes Spiegelbild.
So wie wir gekommen waren, ging es nun langsam wieder zurück. Ich dachte mir schon: „Okay, das war’s für heute, da kommt jetzt nichts mehr.“ Weit gefehlt! Links, gar nicht weit von uns entfernt, tauchte plötzlich ein kleines Rudel Schakale auf – ebenfalls eine Sichtung, die nachts höchst selten ist. Auf dem restlichen Rückweg liefen uns nochmals die Ellipsen-Wasserböcken über den Weg (dieses Mal konnte ich sie fotografisch sogar noch etwas besser einfangen) und zu guter Letzt noch… Mensch, wie hießen sie noch gleich? Die mit dem so komisch geformten Geweih, das aussieht wie zwei gebogene Antennen? Genau, die Kuh-Antilopen!
Mit all diesen fantastischen Eindrücken im Kopf ging es nun endgültig zurück zur Lodge oben auf den Granitfelsen. Die tiefe Dämmerung und das angespannte Ausschauhalten hatten uns mächtig müde gemacht. Mittlerweile war es bereits 22:00 Uhr und in der Lodge war alles dunkel. Der Massai begleitete uns mit seiner Lampe nur noch zu unserer Hütte.
Mein Fazit für euch: Wenn ihr jemals hierher kommt, gönnt euch unbedingt diese Nacht-Pirschfahrt. Es lohnt sich von der ersten bis zur letzten Minute!








