Zebras und Elefanten am Lake Manyara: Gibt es sie wirklich noch?
Mein erster Blick fiel auf ein Zebra, das eine noch frische Verletzung an der rechten Hinterhand hatte. Es zeigte deutliche Kratzspuren und eine kleine, noch klaffende Wunde. So ist eben die Natur: Wie wir schon oft beobachtet haben, kommen die Tiere mit kleineren Verletzungen meist sehr gut zurecht.
Die Spuren verrieten aber auch, dass hier Raubtiere unterwegs sein mussten.
„Es gibt hier im Park die berühmten baumkletternden Löwen“, so erklärte uns Elly.
Wenn ich genau darüber nachdenke, kann ich mir gut erklären, warum die Löwen hier gelernt haben, auf Bäume zu klettern: Ähnlich wie die Löwen im Tarangire, die lieber auf der schotterigen Piste unterwegs sind, um Zecken und lästigen Insekten im hohen Gras zu entgehen, schützt der Aufenthalt auf Ästen auch hier vor den Parasiten am Boden. Zudem bieten die Bäume eine perfekte Aussichtsplattform – und während der Regenzeit lebt es sich oben einfach trockener als im feuchten Schlamm. Gesehen haben wir die baumkletternden Löwen an diesem Tag allerdings leider nicht.
Reine Weideflächen fehlen nach der Überflutung des Seeufers weitgehend, weshalb es hier im Lake Manyara auch keine riesigen Zebraherden mehr gibt. Viele Herden sind in andere Gebiete abgewandert, da der Platz schlicht zu knapp geworden ist.
Symbiose auf Afrikanisch: Zebras, Impalas und Kuhreiher
Ganz in der Nähe des Wassers entdeckten wir schließlich doch noch eine kleine Zebraherde. Sie weideten zwischen vertrockneten Dornenbüschen, und mitten unter ihnen standen einige Impalas.
„Die Impala weiden sehr gerne zusammen mit den Zebras. Die Zebras fressen als Rasenmäher-Pioniere erst einmal das dichte, obere Gras ab und legen so die saftigen, jungen Triebe für die Impalas frei“, so erklärte uns Elly. Bei uns in Hessen werden Esel auf ganz ähnliche Weise zur Landschaftspflege eingesetzt. „Landschaftspflege auf Afrikanisch!“, kam es mir spontan über die Lippen, woraufhin Elly schmunzelte.
Eine zweite kleine Zebraherde graste weiter hinten unter den Schirmakazien. Hier waren zwar keine Impalas dabei, dafür aber eine ganze Schar weißer Kuhreiher. „Hier im Schatten unter den Bäumen gibt es besonders viele Mücken und Zecken“, so erklärte es uns Elly.
Das war mir sofort einleuchtend! Wir kennen das schließlich von unseren eigenen Pferden: Wenn wir am Waldrand entlangspazieren, fangen sich die Pferde unheimlich viele Zecken ein – weshalb wir solche Wege im Sommer lieber meiden. Die Zebras jedoch haben ihre eigenen Helfer dabei: Die Kuhreiher trippeln getreu neben den Zebras her und warten aufmerksam. Durch das Abreißen des Gestrüpps werden Fliegen und Mücken aufgescheucht, die die Vögel direkt aus der Luft oder vom Boden abgreifen. Eine perfekte Symbiose: Die Zebras nutzen die Reiher als Wachposten und Frühwarnsystem, während die Kuhreiher von einem reich gedeckten Buffet profitieren!
Elefanten: Auf den Spuren von „Among the Elephants“
Schon vor unserer Safari hatte ich mich intensiv mit dem Lake Manyara Nationalpark und seinen Elefanten beschäftigt. Dabei war ich auf das berühmte Buch „Among the Elephants“ gestoßen. Iain Douglas-Hamilton führte hier die allererste wissenschaftliche Langzeitstudie über das Sozialverhalten von Elefanten durch. Er schaffte es als Erstes, jeden einzelnen Elefanten im Park anhand seiner individuellen Merkmale zu identifizieren – eine absolute Pionierleistung!
Mit diesem Vorwissen im Gepäck ging es nun hinein zu den Elefanten des Manyara-Parks. Mir fiel sofort eine Elefantenkuh mit ihrem etwa einjährigen Nachwuchs auf: Ihr linker Stoßzahn war abgebrochen.
„Genau über solche Merkmale – abgebrochene Stoßzähne, Einkerbungen an den Ohren oder alte Narben – lassen sich die Elefanten von Forschern eindeutig identifizieren“, so meinte Elly.
Wer weiß – vielleicht hieß diese Elefantenkuh ja Tracy? Sollten wir eines Tages wiederkommen, halten wir nach dieser Elefantenkuh Ausschau!
Erstaunliche Anpassungsfähigkeit der Elefanten
Die Landschaft rund um den Lake Manyara hat sich über die Jahre stark verändert, doch die Elefanten haben sich erstaunlich gut an die neuen Bedingungen angepasst. Trotz des geschrumpften Nutzraums ist die Elefantendichte im Park unverändert hoch. Die Tiere haben gelernt, mit weniger Platz auszukommen, und sind eng zusammengerückt. Sie bilden hier im Manyara deutlich kleinere Familienverbände als die riesigen Herden, die wir im Tarangire beobachten konnten. Doch ob groß oder klein: Elefanten sind hochsoziale Wesen und meiden unnötigen Streit. Genau diese soziale Einstellung ermöglicht es ihnen, auch auf engerem Raum friedlich miteinander zu leben.
Viele Tiere frotzelten mit Rüssel und Füßen im Gras, aber ein ausgewachsener Elefant war intensiv damit beschäftigt, ganze Akazienzweige zu vertilgen.
„Das muss doch schrecklich pieksen und schmerzhaft sein, oder?“ so wandte ich mich an Elly.
„Beim Fressen dürfen Elefanten nicht wählerisch sein. Bei den riesigen Mengen, die sie täglich benötigen, sind sie schlichtweg zu schlechte Futter-Verwerter“, erklärte uns Elly.
Ihre dicke Mundschleimhaut und der extrem zähe Speichel sorgen dafür, dass die spitzen Dornen ihnen nichts anhaben können. Zudem ist die dicke Haut am Rüssel weitgehend unempfindlich gegen Einstiche.
Auch bei ihren geliebten Schlammbädern beweisen die Elefanten ihre Flexibilität: Da die alten Seeschlammflächen überflutet sind, weichen sie nun einfach auf Flussläufe wie den Simba River oder feuchte Mulden im Wald aus. Auf die Schlammbäder können sie keinesfalls verzichten – sie brauchen sie als Sonnenschutz, zur Parasitenabwehr und vor allem zur Regulierung der Körpertemperatur.
Mit all diesen faszinierenden Eindrücken aus dem artenreichen Dickicht des Lake Manyara Nationalparks machten wir uns schließlich auf den Weg – hinaus aus dem Park und weiter hinauf in Richtung des mächtigen Ngorongoro-Kraters!









