Ngorongoro Krater – Unvergleichliche Wildnis
Am Vormittag ging es für uns 600 Meter hinab in den Krater. Wir wollten in den folgenden Stunden so viel wie möglich von diesem Paradies auf Erden erblicken. Eben noch hatten wir den Blick von oben genossen und gedacht, dass wir all die Tiere von oben da unten leicht wiederfinden würden. Weit gefehlt, denn das Gebiet im Krater ist riesig.
Die großen Zebra- und Gnu-Herden
In dieser kurzen Trockenzeit gab es immer noch reichlich zu fressen. Viele kleine und große Tiere weideten friedlich nebeneinander, egal ob Gnus, Zebras oder kleine Antilopen. Es gab kein Gerangel. Die ausgewachsenen Tiere fraßen ruhig, während die Jungen bei ihren Müttern saugten oder geschützt im Gras lagen.
Es gibt hier alles in Hülle und Fülle. Wasser aus den Quellen für Nashörner und Co, den alkalischen See für Flamingos und Flusspferde, dazu weite Grassteppen und schattige Akazienwälder.
Elly steuerte nach der Abfahrt links in den Krater hinein. Es gab so viele selbst gezogene Wege hier unten, so schien es mir jedenfalls. Aber Elly klärte mich schnell auf. Das Wegenetz hier ist fest vorgegeben und selbst für ihn hatte es eine Weile gedauert, bis er sich all die Wege gemerkt hatte. Ein falscher Tritt und die Strafe ist übel. Er erzählte weiter, dass ein Verlassen der Pfade sogar die Guide-Lizenz kosten kann.
Ich war echt verblüfft. Für mich sahen die Wege eher nach einem bunten Durcheinander aus und ich dachte zuerst, hier könne jeder fahren, wie er möchte. Nun war ich beruhigt. Es läuft im Krater alles zum Wohl der Tiere ab und das ist ein wunderbares Zeichen. Auch viele Jahre nachdem Professor Grzimek anfing, die Serengeti und diese Region zu schützen, gedeiht die Natur noch immer.
So fuhren wir die Wege entlang, während links und rechts die vielen Zebras und Gnus weideten. Die Tiere haben sich an die Land Cruiser gewöhnt und nehmen die Fahrzeuge völlig gelassen hin. Sie schlenderten gemütlich über die Wege. Die Geländewagen hielten an und fuhren erst langsam weiter, wenn der Weg wieder frei war. Alle hielten sich an das Tempo, denn das ist eine strenge Vorgabe zum Schutz der Tierwelt.
Grant-Zebras im Ngorongoro-Krater
Die Zebras hier im Ngorongoro-Krater sind Grant-Zebras, eine Unterart der Steppenzebras. So erklärte es uns Elly, während wir die Tiere durch das geöffnete Dach beobachteten.
Auch wenn ich finde, dass sie etwas anders aussehen als die Zebras im Lake-Manyara-Nationalpark, gehören sie alle zur selben Unterart. Im Lake Manyara hatte mich ein Zebra vor ein paar Tagen ganz besonders beeindruckt. Es hatte direkt vor uns gegrast und ich konnte die gesamte Oberlinie seines Rückens studieren. Es hatte kräftige, breite schwarze Streifen im klaren Wechsel mit reinem Weiß, ganz ohne bräunliche Schattenstreifen.
Aber auch hier im Krater zeigen alle Zebras starke Kontraste. Sehr wuchtig auf der Oberlinie und zu den Beinen hin feiner gezeichnet, aber trotzdem in klaren Farben. Immer nur der Wechsel aus Schwarz und Weiß, ganz ohne braune Schattierungen.
Kräftige Streifenmuster vom Scheitel bis zur Sohle, so kam es mir über die Lippen. Selbst an der Bauchunterseite laufen die Streifen durch. Beim bloßen Anblick kann ich schon jedes Zebra vom anderen unterscheiden, aber ist das tatsächlich notwendig?
Elly schmunzelte und meinte, dass natürlich jedes Streifenmuster völlig individuell sei. Den ganzen Körper brauche man aber gar nicht zu betrachten. Es reiche völlig aus, die Flanken und den Hals zu vergleichen, um jedes Tier sicher zu wieder zu erkennen.
Das Serengeti-Weißbartgnu
Auch wenn mich die Zebras noch mehr faszinierten, sind auch die Gnus extrem spannend. In der Serengeti und hier im Krater gibt es eine ganz besondere Unterart, nämlich das Serengeti-Weißbartgnu.
Schaut euch diese Gnus einmal genau an. Was fällt euch an den Tieren auf, fragte Elly. Ich wusste erst gar nicht, worauf er hinauswollte, also schauten wir genauer hin.
Es wirkte fast wie ein zusammengewürfeltes Wesen. Der Kopf erinnert an eine Kuh, der Körper mit den schlanken Beinen an eine Antilope, dazu ein fast pferdeähnlicher Schweif. Das Ganze wird umrahmt von einem schmutzig-weißen Kehlbart und einem schiefergrauen Fell mit dunklen Querstreifen.
Hier im Ngorongoro-Krater ist der größte Teil der Gnus sesshaft. Das ist fast schon ungewöhnlich, denn in der Serengeti machen sie den Hauptteil der Großen Migration aus. Die Herden im Krater haben schlicht erkannt, dass sie hier im echten Paradies leben. Kein beschwerliches und gefährliches Wandern, sondern einfach nur Fressen und Gefressen werden.
Ja, Gefressen werden steht hier an der Tagesordnung, denn nirgendwo sonst ist die Raubtierdichte so hoch wie auf dem Kraterboden. Trotzdem verbringen viele Gnus ihr ganzes Leben hier. Es gibt alles, was sie brauchen, von frischem Wasser aus den Quellen bis zu üppigem Gras.
Der Krater als autarkes Ökosystem
Während wir auf die großen Gnu- und Zebraherden blickten, wurde ich nachdenklich. Der Ngorongoro-Krater erscheint mir wie eine Waage im Gleichgewicht. In der einen Waagschale liegt die Vollkommenheit mit allem in Hülle und Fülle, in der anderen die Allgegenwärtigkeit von Leben und Tod.
Eine Homöostase, ein autarkes und sich selbsterhaltendes System, so sehe ich es mit meinen Augen als Naturwissenschaftlerin. Aber auch ein poetischer Ansatz liegt sehr nahe. Es ist wie eine Arche Noah der Savanne und ein paradiesisches Perpetuum Mobile, der ewige Kreis des Lebens.
Herden- und Schutzgemeinschaften
Wie schon bei den Symbiosen anderer Tiere zu beobachten ist, greift dieses Zusammenspiel auch zwischen Gnus, Zebras, Warzenschweinen und Kuhreihern. Sie profitieren voneinander, sei es als echtes Team oder als einseitiger Nutznießer.
Die Zebras und Gnus bilden eine perfekte Fressgemeinschaft. Die Zebras fressen das obere, gröbere Gras und legen damit für die Gnus die kurzen, saftigen Gräser frei.
Auch bei der Sicherheit bilden sie ein perfektes Team. Die Zebras haben hervorragende Augen und wie Pferde einen natürlichen Restlichtverstärker für die Nacht. Die Gnus wiederum besitzen ein feines Gehör und einen ausgeprägten Geruchssinn. Diese Kombination bietet den optimalen Schutz vor Raubtieren.
Dazu kommen noch die Kuhreiher und die Warzenschweine. Beide dienen den großen Herden als verlässliches Frühwarnsystem und sind innerhalb der Herden sehr gerne gesehen.
Schau mal dort, ein Zebra hat gerade etwas aufgescheucht, das sind wohl Käfer, deutete Elly in Richtung der Tiere. Es läuft alles ganz ruhig ab. Die Kuhreiher wandern einfach mit und warten geduldig. Der Tisch wird ihnen von den Huftieren gedeckt und zack ist der Happen verspeist.
Im Schutze der Zebra-Herde
Dann wurden wir aufmerksam auf ein Zebra inmitten der vielen Zebras und Gnus. Ich hatte es als Erste erblickt. Es war ein Tier mit stark verkrümmter Wirbelsäule. Anhand der Streifen war es kaum zu erkennen, aber meinem geschulten Auge entgeht so etwas nicht. Der schwarze Aalstrich auf der Oberlinie kaschierte es zwar ein wenig, aber die Fehlbildung war eindeutig.
Ich war total geplättet und fühlte sofort mit. Ein Seelenverwandter im Krater, so schien es mir in diesem Moment. Der gesamte Brustkorb war zusammengestaucht und die Wirbelsäule nach oben herausgedrückt, wie bei einem Karpfenrücken. Bei Pferden kenne ich solche Deformierungen, aber diese Form war um einiges extremer.
Wir fingen sofort an zu fachsimpeln. Wie konnte das passiert sein? Wir spielten verschiedene Ursachen durch, von einer angeborenen Fehlbildung bis zu einer alten Verletzung, kamen aber zu keinem eindeutigen Ergebnis.
Warum fühlte ich diese Seelenverwandtschaft? Ich lebe selbst seit vielen Jahren mit einem deformierten Thorax. Die Rippen auf meiner rechten Seite sind eingedellt, nach unten verschoben und der Brustkorb ist nach vorne verdreht. Man kann damit gut leben und genauso schafft es dieses Zebra.
Ob es in der weiten Serengeti überlebt hätte? Wohl eher nicht. Der kräftezehrenden Großen Migration hätte es vermutlich nicht standhalten und mit den anderen Herden nicht Schritt halten können. Aber hier im Krater ist das anders. Die Herden bewegen sich meist langsam und legen keine riesigen Strecken zurück. So bleibt selbst ein Zebra mit einer deutlichen Einschränkung vollwertiger Teil der Gemeinschaft und wird geschützt.












