Auf zum Olaado-Camp
Wir standen mit unserem LandCruiser noch eine ganze Weile hier in der Senke bei den vielen Herden.
Die Ndutu Safari Lodge
Immer wieder stürmten von oben Herden den Abhang hinunter. Auch die ganz Kleinen, die Fohlen und Kälber, rasten ganz unbekümmert hinunter. Wahnsinnig, wie alle im vollen Galopp ihre Beine sortieren konnten, ohne sich dabei über den Haufen zu rennen.
Unten angekommen ging es ganz ruhig zu. Sie trotteten zum Wasser und tranken. Nachdem sie ihren Durst gelöscht hatten, ging es wieder hinauf in die Grassteppe. Links runter, unten trinken und rechts wieder hoch. Ein Spektakel sondergleichen.
Ganz in der Nähe von hier aus war die Ndutu Safari Lodge, und Elly wollte sie für einen kurzen Toilettengang ansteuern. Über die Jahre hatte Elly seine täglichen Fahrten so gut eingeteilt, dass immer nach ein paar Stunden ein Camp, eine Lodge oder ein Picknickplatz zur Verfügung stand.
Und was soll ich euch sagen, es hat jeden Tag super geklappt. Nicht einen Tag war die Buschtoilette notwendig, wodurch Sicherheit und Komfort immer an erster Stelle standen. Also ging es wieder los, raus aus der Ndutu-Senke.
Thomson Gazelle oder Grant Gazelle
Ganz langsam hatten wir die Senke verlassen und machten uns auf den Weg zur Ndutu Safari Lodge. Die großen Herden hatten wir hinter uns gelassen und es zeigten sich nun ganz andere Tiere. Vielleicht waren sie vorher auch zwischen den Massen gewesen und uns nur nicht aufgefallen. Aber jetzt galt es, sie ins rechte Licht zu rücken. Besonders viele unterschiedliche Tiere hatten wir an einer kleinen Wasserstelle kurz vor dem großen Spektakel entdeckt. Eine Oase der Ruhe.
Elly forderte uns heraus: „Was sind das wohl für Gazellen? Thomson oder Grant?“
Oh je. Ich kramte in meinem Hinterstübchen – Mensch, im Ngorongoro-Krater hatte er uns diese Frage doch schon einmal gestellt. Elly, unser Lehrer. Und da war er wieder, dieser Satz: „Aber sie vergessen auch viel“, wie Elly es ein paar Tage zuvor schmunzelnd ausgedrückt hatte. Wir unterhalten uns zwar auf Augenhöhe, er als Guide, ich als Tierheilpraktikerin mit unserem Blog im Gepäck. Aber es ist eben auch Neuland für uns.
„Es sind Grant-Gazellen“, antwortete ich. „Sie haben seitlich einen schwarzen Streifen an den Flanken und der weiße Spiegel am Hinterteil geht weit über das Schwanzende auf den Rücken hinaus.“ Jede Wiederholung und jedes Nacharbeiten schärft das Wissen und macht einfach unglaublich viel Spaß.
„Die Grant-Gazelle ist ein echter Trockenkünstler der Steppe!“, unterrichtete Elly uns weiter. Sie kommen wochenlang ohne das Trinken an einer Wasserstelle aus und holen sich das kühle Nass vor allem aus Tau, Sukkulenten und anderen nährstoffreichen Pflanzenteilen.
An diesem kleinen Wasserloch sahen wir kurz darauf eine kleine Herde Gnus und einige Zebras, die sich im Schatten junger Schirmakazien niedergelassen hatten. Sie hatten es nicht eilig hinunter in die Ndutu-Senke, da sie hier für den Moment genug Wasser fanden. Am Rande des Tümpels patrouillierten zudem einige Marabus.
Great Migration trifft auf Home Ranges
Nach dem Wasserloch machten wir einen Stopp an der Ndutu Safari Lodge. Die Landschaft rund um die Lodge war faszinierend: mächtige Schirmakazien, Wüstennüsse und viel dorniges Gestrüpp prägten das Bild.
„Schaut mal, dort stehen Giraffen!“, rief ich plötzlich aus. Wo kamen die denn auf einmal her?
Zuletzt hatten wir sie im Tarangire gesehen. Im und um den Krater gab es schlichtweg keine Giraffen, da die Vegetation und die steilen Hänge nicht zu ihren Territorien passen. So zeigt sich in Tansania neben der Faszination der Great Migration immer auch das Konzept der „Home Ranges“ vieler anderer Tiere.
Ich stelle mir das so vor: Die Giraffen wandern von Akazienbaum zu Akazienbaum und schwupp, stehen sie an der Lodge. Äußerst spannend.
Lake Ndutu – ein flacher Salzsee
Je weiter wir in Richtung des Ndutu-Sees unterwegs waren, desto grüner wurde die Landschaft wieder – ein perfektes Futtergebiet für Giraffen und Antilopen. Dann lag der See vor uns. An den Rändern oft kaum zehn Zentimeter tief, präsentierte er sich als extrem flacher, alkalischer Salzsee.
Der See bot ein gigantisches Nahrungsangebot für Flamingos, und das Wasser wimmelte nur so von ihnen. Lange rosa Beine, weiße Körper und der Kopf tief im Wasser. Die Vögel befanden sich in einer wahren Dauerschleife aus tanzenden Beinen und suchendem Schnabel. Elly zückte sein Fernglas, hielt sein Handy an die Linse, spielte afrikanische Musik ab und drehte ein kleines Video. Das machte er kurz darauf auch mit meinem Handy. Flamingos ganz auf afrikanisch.
Danach vertiefte Elly unser biologisches Wissen. Da der See keinen natürlichen Abfluss hat, verändert er je nach Verdunstung und Regenzufuhr stetig die Konzentration von Natriumcarbonat und Mineralien. Entweder ist er ein Schlaraffenland für Vögel oder eine tückische Falle für viele andere Tiere.
Im Buch zeigte er uns den besonderen Aufbau eines Flamingo-Schnabels. Der Oberschnabel liegt unten und ein ausgeklügeltes Lamellensystem sorgt dafür, dass sie kopfüber mittels einer Zungenpumpe Wasser filtern können.
Die guten Algen und Kleinsttiere bleiben als Nahrung im Mund, während Wasser und Schlamm zurück in den See fließen. Und das scheinbare Tanzen im flachen Wasser ist in Wahrheit ein gezieltes Aufwirbeln des Bodensatzes. Während wir lauschten, hielt ich die Kamera weiter auf die Tiere – in der Hoffnung auf einen besonderen Schnappschuss.
Vorbei am Löwen und Giraffen
Die Region ist riesig und so fand ich es umso spannender, am Nachmittag noch einmal an dem Löwen vom Vormittag vorbeizukommen. Für Elly war das kein Zufall, er hatte es genauso geplant.
So standen wir wieder bei dem Löwen mit den sichtbaren Blessuren. Wie schon am Morgen kreisten etwa 15 Fahrzeuge um ihn herum. Ein Wagen setzte zurück, weil seine Gäste genug gesehen hatten, während der nächste vorrollte, um eine freie Sicht zu ermöglichen. Der Löwe lag entspannt im Schatten und leckte sich die Wunden. Wir bekamen ebenfalls die Gelegenheit für ein paar schöne Fotos, bevor wir unsere Fahrt fortsetzten.
Auf dem Weg zum Olaado Camp passierten wir erneut das Naabi Gate. Am späten Nachmittag herrschte hier kaum noch Betrieb, sodass wir die Chance nutzten, um Erinnerungsfotos vor dem berühmten Schild zu machen. Serengeti shall never die. Wehmütig dachte ich dabei an meine Kindheit und die prägenden Tierfilme von Prof. Grzimek und seinem Sohn.
Die Landschaft wird karger
Je näher wir dem Olaado Camp kamen, desto karger präsentierte sich die Landschaft. Hohe Akazien wurden seltener, das Gestrüpp wurde spärlicher und das vulkanische Geröll aus dem Ngorongoro Hochland prägte zunehmend das Bild. Hatten wir zuvor saftiges Grün gesehen, streiften hier nur einzelne Giraffen durch die flacheren Sträucher, um fressbare Zweige zu finden.
Eine dieser Giraffen tat uns den Gefallen und kreuzte direkt die Schotterpiste. Für uns bedeutete das, Ampel auf Rot, die Giraffe hat Grün. In aller Ruhe blieb sie mitten auf dem Weg stehen, blickte zu uns herüber und schlenderte erst dann langsam weiter. Ich hatte schon so viel über diese Tiere geschrieben und sie schien uns schmunzelnd zu fragen, wisst ihr denn noch alles über unsere Art?
Kaum am Wegesrand angekommen, schoss ihre lange blaue Zunge heraus und sie ließ einige Kötel fallen. Es war eine weibliche Massai-Giraffe mit der typischen weinblattartigen Fellzeichnung. Das Geschlecht lässt sich bei genauerem Hinsehen gut erkennen. Ihre Hörner trugen die charakteristischen dunklen Haarbüschel und auch das Euter war sichtbar.
Ich glaube, Prof. Grzimek hätte an unserer Safari seine helle Freude gehabt. Es ging uns nie um reine Effekthascherei, sondern um das echte Verständnis für jedes einzelne Tier. Und ich kann aus vollem Herzen sagen: Serengeti shall never die.
Ein Singhabicht in der Abendsonne
Die Sonne neigte sich nun immer mehr dem Sonnenuntergang entgegen und die Landschaft rund um unsere Schotterpiste blieb karg. „Viel gibt es hier jetzt nicht mehr zu sehen“, dachte ich. Aber weit gefehlt. Die Natur bietet so viele Tiere am Rande der Great Migration. Die vielen kleinen Tiere zu sehen ist immer noch für uns sehr schwierig und unsere Augen sind einfach noch nicht geschult genug. Aber das wird.
Neben der Schotterpiste saß unweit ein Singhabicht auf einem Dornenbusch. Da musste uns Elly erst drauf stupsen und uns auch erklären, was es für ein Raubvogel war. Elly blieb also mit dem LandCruiser stehen und wir machten oben aus dem Dach heraus unsere Fotos.
Diese Art Habichte ist dafür bekannt, regungslos auf einem guten Ast sitzen zu bleiben und so war es dann auch. Er schaute nach vorne und zu uns, zog seine Nickhaut immer mal wieder vor das Auge und ansonsten nur Ruhe. Dann drehte er auch seinen Kopf ganz nach hinten – sehr beweglich eben. Es schien ein Jungtier zu sein, denn er hatte noch nicht den leuchtend orange-roten Schnabel. Da war es wieder: Ein Merkmal, um das Alter eines Tieres festmachen zu können.
Gerade der Kopf mit den großen Augen, dem wuchtigen Schnabel und den vielen kleinen Federn.
Als er zu uns rüber geschaut hatte, fing ich an zu lachen und es kam ein Prusten aus mir heraus: Jede einzelne Falte und Hautunreinheit kann er in meinem Gesicht erblicken, besser als jede Lupe. Elly stimmte dem lachend zu.
Vier Strauße kreuzen unseren Weg
Dann gab es was ganz Skurriles, denn es tauchten vier Strauße auf. Elly wollte gerade einiges zu ihnen erzählen, da passierte das ganz Besondere. Einer der Strauße gab Flüssigkeit ab. Für Elly ein ganz normaler Vorgang, aber für uns war es sehr faszinierend.
Vögel besitzen keine getrennten Öffnungen für Urin, Kot und Fortpflanzung, sondern ein einziges Ausscheidungsorgan namens Kloake. Wenn sich der Strauß erleichtert stülpt er den inneren Teil dieser Kloakenwand kurz nach außen um. Dieses stark durchblutete Gewebe ist rosa bis rötlich und sieht in dem Moment tatsächlich aus wie eine herausgestreckte Zunge. Das Ausstülpen sorgt dafür, dass die Federn sauber bleiben und die Ausscheidung gezielt abgesetzt wird.
Also legte ich los und fotografierte was das Zeug hielt. Für mich als Tierheilpraktikerin war das ein ganz toller Moment und eben auch ein ganz natürlicher Vorgang. Aber es sah wirklich skurril aus. So schnell wie das Gewebe herauskam, so schnell war der Vorgang auch schon vorbei. Der Strauß zog es wieder hinein, blickte noch einmal zu uns rüber und ging seiner Wege.
Das Olaado Camp
Mit diesen Eindrücken ging es weiter und nun lag endlich vor uns das Olaado Camp. Das Camp war am Rand eines Kopjes aufgebaut, einer der vielen Granit-Inselberge, wie wir sie noch viel in der Serengeti sehen werden. Vor dem Camp der breite Streifen für die Great Migration und weiter entfernt lag noch das Ngorongoro-Hochland.
Für die nächsten zwei Tage waren wir die einzigen Gäste hier im Camp. Für die Great Migration waren wir leider schon zwei Wochen zu spät, denn die Tiere waren hier schon durchgewandert.
Es muss atemberaubend gewesen sein. Jetzt gab es hier im Camp nur noch die totale Stille.
Das Camp ist, wie wir es schon vor Reiseantritt wussten, sehr spartanisch eingerichtet. Es gab nur im Hauptzelt Strom zum Aufladen der Handys und Warmwasser zum Duschen wurde für uns extra im großen Kessel heiß gemacht. Solche Gießkannen-Duschen kannte ich nur aus meiner Kinderzeit in unserem selbstgebauten Fort auf dem Hinterhof unseres Bauernhofes.
Die Ankunft im Camp konnte ich leider nicht so richtig genießen, da meine Darmbeschwerden mittlerweile auf dem Höhepunkt waren. Das Camp-Feeling ging dann am Abend beim besten Abendessen so ganz an mir vorbei. Das ganze Team machte sich nun Sorgen und auch der Koch, the Chef, kam, um nach mir zu sehen. Alle waren sehr rührend. Chef fing noch abends an, eine gute Hühnersuppe aufzusetzen. Alle aus dem Team sind mir bis heute in allerbester Erinnerung und ich freue mich schon, sie vielleicht demnächst wiederzusehen.


















