Ndutu: Hotspot der „Great Migration“
Wir hatten die Mittagspause mit dem Sandwich und dem Sprachenwirrwarr sehr genossen.
Auch der Blick runter in die Ebene war einfach unbeschreiblich: Die Ebene mit einigen Wasserflächen, viel Sumpfgras, einigen LandCruisern, die bereits unten durch das Gebiet fuhren, und den vielen großen Herden, wie sie durch die Ebene wanderten. Dann ging es endlich los. Elly lenkte den Wagen durch die Akazienbäume, um zurück auf die Schotterpiste zu kommen. Ein einzelner Reiher stand nicht weit entfernt und dann zeigte sich ein Löwenmännchen.
Ein Löwe und 15 Fahrzeuge
Zwischen einigen Sträuchern wanderte er mit gesenktem Kopf hindurch. So konnten wir die volle Pracht seiner Löwenmähne sehen. Sie reichte weit hinauf auf den Rücken. Volle Löwenmähne, großer Kopf und wuchtige Pranken – so zeigte er sich. Er schlenderte durch die Sträucher und leckte sich mit der Zunge übers Maul, als wollte er noch die letzten Aromen der nächtlichen Beute aufnehmen. Wenn er die Zunge gerade nicht zeigte, wirkte es wie ein Lächeln. Schon komisch, diese Tierwelt. Er ging so eng an einem Strauch vorbei, dass sich seine Mähne in den Dornenästen verfing. Aber ohne es zu registrieren, ging er einfach weiter und die Mähne streifte die Dornen nur so, als ob sie ihn streicheln wollten. Ein Kraftpaket sondergleichen.
Dann zeigte er uns seinen ganzen Körper und ich nahm auf seinem Rücken eine Erhebung wahr. Es wirkte fast schon wie eine Kreuz-Darmbein-Blockade, dachte ich bei mir. Dann sah ich allerdings eine große Verletzung mitten oben auf seinem Rücken. Die Verletzung schien schon ein wenig älter zu sein, jedenfalls hatte sich schon Schorf gebildet. Während ich noch ganz in Gedanken war und überlegte, wo die Verletzung wohl hergekommen war, wurden die Motorengeräusche lauter.
Die anderen Guides kommen
Die Guides waren permanent online und hatten sich gegenseitig über Löwen- und erst recht über Leopardensichtungen informiert. Was Elly ins Walkie-Talkie sprach, hatte ich leider nicht verstanden. Mein Swahili besteht aus ein paar wenigen Floskeln und Worten – vielleicht hätte ich „Simba“ verstehen können. Nun waren sie also alle da, die anderen LandCruiser hier in Ndutu.
Innerhalb weniger Minuten waren es 15 Fahrzeuge und jeder einzelne Guide wollte seinen Gästen einen Blick auf den Löwen ermöglichen. So ging es vor, zurück, zur Seite und anhalten für ein paar Fotos. Dann wurde auch schon wieder Platz gemacht für den nächsten Guide.
Ja, in der Nebensaison ging es freundschaftlich zu. Wir hatten immer noch einen guten Platz und der Löwe durchstreifte weiter die Sträucher. Die Verletzung konnte ich mittlerweile ganz gut bei einem Blick aus dem Auto sehen. Auch hatte er an der rechten Hüfte eine verdickte Entzündung. Blessuren, die einfach nicht ausbleiben beim Überleben in der Wildnis.
Ndutu Marsh, feuchte Senken – zwischen Lake Ndutu und Lake Masek
Nach der Löwensichtung ging es weiter. Die hohen Schirmakazien säumten die Schotterpiste und wirkten auf uns wie die Einfahrt in eine neue Welt. Die vielen Sträucher, die Schirmakazien und vor uns eine endlose Weite und der Horizont: Wir waren so sehr gespannt darauf, was uns hier wohl erwarten würde. Wir fuhren hinunter in die Ebene. Es wirkte wie eine endlose Strandlandschaft. „Dieser Teil hier nennt sich Big Marsh und besteht aus vielen Schlamm- und Wasserlöchern. Wir Guides wissen genau, wo wir hier fahren können“, erwähnte Elly. Ja, bloß nicht stecken bleiben, dachte ich bei mir.
Vor uns standen zwei LandCruiser an einer Stelle, wo einfach nichts vorhanden zu sein schien, und Elly steuerte ebenfalls voll darauf zu. Sie standen vor einem Nichts, so schien es mir jedenfalls. „Schaut mal genau hin!“, kam es von Elly. Ach, er meinte wohl den einsamen Marabu dort vor uns, sonst war dort ja nun wirklich nichts.
Der Marabu ruhte sich gerade aus und hockte auf seinen Sprunggelenken. Das Knie selbst liegt weiter oben unter dem Federkleid – also anatomisch voll korrekt. Mit seinem Kopf döste er nach vorne hängend und im Schatten darunter lag sein Kehlsack. Die Nickhaut, ein sehr wichtiger Scheibenwischer wie bei so vielen Tieren, hatte er vor das Auge gezogen.
Zwei Hippos in der Matschkuhle
Dann blieb Elly mit dem LandCruiser stehen und ich war verblüfft. Mitten in einer Matschkuhle lagen zwei Hippos. Sie hatten sich bis auf ein wenig Rücken, die Augen und Ohren in den Schlamm gewühlt. „Die leben!“, lachte Elly. Und ja, dann wackelten die Ohren hin und her. Vor der starken Mittagssonne buddeln sie sich kurzerhand in den Schlamm ein, nutzen ihn zum Abkühlen und warten auf den Nachmittag. Dann würden sie sich wieder ausbuddeln und fressen gehen.
„Wer’s glaubt“, dachte ich bei mir. Wie können die Tiere nur so viel Schlamm um den Körper, um die Ohren, die Augen und das gesamte Gesicht ertragen? Ich war sehr verblüfft.
Wir durchquerten weiter diese Marschlandschaft und fuhren wieder hinauf in die Grassteppe, denn unser Ziel waren ja spektakuläre Bilder der großen Herden in Ndutu. Wir zogen nun wieder gemeinsam mit vielen Gnu- und Zebra-Herden die Steppe entlang.
Treue fürs Leben in der Steppe
„Schaut mal, dort der Sekretär!“, kam es von Elly. Für uns war schon klar, wen und was er meinte: den Vogel links von uns. Er stolzierte ganz gemächlich durch die Grassteppe.
Klar findet man sie immer wieder mal auf einer Safari zwischen Sträuchern und Gräsern. Aber das Außergewöhnliche an ihm war das Nistmaterial, das er im Schnabel gesammelt hatte. Wir waren also im Januar genau zur Fortpflanzungssaison der Vögel hier vor Ort. „Wo bauen denn die Sekretäre ihr Nest?“, fragte ich, denn eine Vorstellung hatte ich davon gerade noch nicht. „Der wird gleich wieder in Richtung der Akazienbäume rüberlaufen“, meinte Elly. „Das Nest hat das Pärchen wohl schon fertig. Jetzt geht es nur noch um die Gemütlichkeit“, lachte er.
So ist es: Sie bauen ihre Nester mit groben Ästen in einer Schirmakazie. Aber was viel faszinierender ist: Haben sie sich einmal als Pärchen gefunden, bleiben sie ein Leben lang zusammen. „Sie sind absolut monogam und unheimlich standorttreu“, erklärte uns Elly weiter.
Der Sekretär wanderte also in Richtung der oberen Akazien. Während Elly weiterfuhr, sah ich rechts immer noch den Sekretär. Er war schon ganz schön schnell unterwegs. Und dann auf einmal – er hatte fast die Akazien erreicht – gab er so richtig Gas: Mit Höchstgeschwindigkeit breitete er seine Flügel aus und hob ab. Wie auf einer Startbahn lief von jetzt auf gleich alles ab, um kurz nach dem Start auch schon wieder auf der Akazie zu landen. Es war echt faszinierend. Leider hatte ich vergessen, den Flugzeugstart zu fotografieren. Echt schade!
Freudengalopp zur Tränke
Elly lenkte den LandCruiser nun zielgerichtet zum Highlight des heutigen Vormittags. Wir hatten noch gar keine Vorstellung davon, was uns erwarten würde. Wir waren einfach im Hier und Jetzt. Je länger wir unterwegs waren, desto mehr Herden schlossen sich uns an. Sie kamen von links, von rechts, waren hinter uns und liefen vor uns her. Sie wanderten grasend weiter; einige Herden blieben hier in der Grassteppe und die vielen Jungtiere ruhten sich im Gras aus. Andere Herden wiederum wurden zielstrebig immer schneller.
Ich dachte an ein Reel aus der Vogelperspektive: Von oben sieht es aus wie riesige Ameisen, die wie an einer Perlenschnur durch die Grassteppe laufen. Und wie sah es von unten aus? Die vielen, vielen Beine wirkten von unten wie eine große Menge Tausendfüßler, deren kurze Beine unermüdlich vorwärts tippelten.
Pure Muskelkraft und Instinkt am Wasser
Die Zielstrebigkeit aller Tiere war ein echtes Naturphänomen. Keines konnte das Wasser schon sehen, aber alle wussten genau, wohin sie laufen mussten. Genau das macht die Great Migration aus: kollektives Wissen, geleitet von Instinkt, dem Geruch von feuchter Erde und dem feinen Sinn für die Natur. Ein Wissen, das über Generationen weitervererbt wurde.
Nun standen wir ganz unten am Wasser und dann ging es los, das große Spektakel. Wir hatten die vielen Herden oben doch noch ganz langsam wandern gesehen – was war nun passiert? Gab es irgendwo eine Startlinie? Fing einer an zu rennen und alle anderen dachten sich: Ich will auch Wasser abbekommen?
Es ging hierbei nicht um einen Todeskampf, es war eher ein Freudengalopp hinunter zum Wasser. Ich dachte an meine eigene Reiterei mit unseren Pferden: Die Gnus und Zebras nutzen den Galopp, um kräfteschonend hinunterzukommen. Sie fliegen regelrecht über alle Bodenunebenheiten und selbst seichte Böden können ihnen nichts anhaben. Unten am Wasser kommt dann die vollkommene Entspannung und alle können ganz stressfrei nebeneinander trinken. Mit wassergefülltem Magen geht es dann gemächlich wieder hinauf in die Grassteppe.
















