Löwen-Wollknäuel, Satellitenschüsseln und ein blauer Exot
Ein Vormittag im Tarangire
Am nächsten Morgen starteten wir nach einem ausgiebigen Frühstück im Maweninga Tented Lodge Camp sehr früh in den Tag. Der Reifen unseres Land-Cruisers war glücklicherweise gewechselt, und so ging es zügig hinunter von unserem Granitfelsen, durch das dichte Gebüsch wieder zurück in die offene Savanne.
Wir hatten uns noch gar nicht weit vom Camp entfernt und bewegten uns auf den Wegen, die wir erst in der Nacht zuvor bei unserer Pirschfahrt erkundet hatten. Die vielen nachtaktiven Tiere waren jetzt natürlich nicht mehr zu sehen. Dachten wir jedenfalls! Aber weit gefehlt, einige wenige waren doch noch im Revier geblieben.
Hatte ich in der Nacht zuvor noch von der flüchtigen Silhouette eines Dik-Diks im Scheinwerferlicht geschwärmt, stand nun ein kleines Exemplar nicht weit von uns entfernt im grünen Gras. Ein Dik-Dik bei strahlendem Sonnenschein ist doch ein ungleich schönerer Anblick!
Nur knapp zehn Minuten später entdeckten wir an genau demselben Gebüsch wie in der Nacht zuvor eine Gruppe Schakale. „Das sind bestimmt die Schakale von gestern Nacht“, vermutete Elly sofort. „Schakale sind sehr ortstreu und haben hier in der Nähe wohl ihren Bau mit den Jungen.“ Elly stellte den Motor des Land-Cruisers ab, damit wir in aller Ruhe Fotos machen konnten. „Das sind Schabracken-Schakale“, erklärte er uns weiter. Diese Tiere sehen wirklich faszinierend aus. Unten herum sind sie weiß bis bräunlich gefärbt, aber auf dem gesamten Rücken tragen sie eine markante, schwarz-weiße „Schabracke“. Vom Gesichtsausdruck her ähneln sie Hunden, sie sind jedoch viel zierlicher gebaut, und ihre Eckzähne sind wesentlich stärker ausgeprägt. Es war wieder einer dieser ganz besonderen Momente, denn normalerweise bekommt man Schakale nur in den extrem frühen Morgen- oder späten Abendstunden zu Gesicht.
Rillen-Achterbahn und ein blauer Hauptgewinn
In der Dunkelheit der Nachtfahrt waren uns die tief ausgewaschenen Schotterpisten gar nicht so recht aufgefallen. Doch jetzt, bei der Fahrt hinunter vom Granitfelsen, waren sie kaum zu übersehen. In den Wochen zuvor muss es hier heftig geregnet haben. Auch wenn die Wege im Moment steinhart, buckelig und unberechenbar erschienen, waren sie vorausschauend fahrend doch erstaunlich gut machbar. Es fühlte sich ein bisschen an wie eine Straßenbahn in ihren Schienen. Entweder man blieb fest in den tiefen Rillen oder man musste schnell ausweichen. Beides funktionierte. Elly erzählte uns, dass diese jetzt steinharten Wege in der Regenzeit zu einer tückischen Schlammlandschaft werden, in der man sich in Sekundenschnelle festfahren kann. Die tiefen Spurrillen im getrockneten Boden sind die bleibenden Zeitzeugen dafür.
Nicht nur Elefanten im Tarangire
Die Landschaft links und rechts von uns zeigte sich weiterhin in üppigem, grünem Gras, geprägt von mächtigen Affenbrotbäumen, Wurstbäumen, dichten Sträuchern und Akazien. Sogar einige sehr hohe Palmen gab es zu bestaunen. Irgendwo im Nirgendwo passierten wir schließlich einen Wegweiser und einen Klippschliefer auf einem Felsen, der uns quasi zum Abschied hinterherblickte.
Es war der Abschied vom Camp – und der Startschuss für einen artenreichen Vormittag, an dem uns vielleicht sogar Löwen erwarten sollten. Für Elly stand jedenfalls schon vorab fest:
Heute Vormittag wird es Löwen geben. Viele Löwen!
Vielleicht wusste er aus Erfahrung auch einfach ganz genau, wo sie anzutreffen waren. Zunächst steuerte er den Wagen aber ganz gemütlich die Spurrillen entlang. Er wartete sichtlich auf die neuesten Infos per Funkgerät – was uns im Laufe des Vormittags dann auch vollends klar wurde.
Massai-Strauße
Es war herrlich, jetzt am Morgen auch die kleinen Bewohner hier im Tarangire in aller Ruhe würdigen zu können. Elly hatte beim Fahren das eine Auge auf der Piste und suchte mit dem anderen den Wegesrand nach den Kleinen ab. Plötzlich deutete er auf einen Ast: „Das ist ein Graukopfliest, ein kleiner Eisvogel“, erklärte er. Ich dachte nur: Eisvogel? Wo soll hier ein Eisvogel sein? Seit Jahren versuchen wir bei uns zu Hause in Hessen vergeblich, mal einen heimischen Eisvogel vor die Kamera zu bekommen. Und hier in der afrikanischen Savanne sitzt einfach so einer auf dem Busch! Und was für ein hübsches Exemplar. In seinem Gefieder vereinen sich die schönsten Farben von Braun über leuchtendes Blau bis hin zu Weiß, gekrönt von einem auffällig roten Schnabel. Er blieb ganz ruhig auf seinem Strauch sitzen und ließ sich wunderbar von uns fotografieren.
Kurz darauf sahen wir im Vorbeifahren in weiter Ferne eine Massai-Giraffe. Sie war allerdings viel zu weit weg für ein gutes Foto, also hakten wir die Sichtung innerlich ab. Irgendwie hatte ich Elly in diesem Moment auch gar nicht richtig zugehört, hatte nur das Wort „Massai“ aufgeschnappt und dachte immer noch an die ferne Giraffe. Da wiederholte er noch einmal nachdrücklich: „Karen, siehst du dort drüben die Massai-Strauße?“ Ach, Massai hier, Massai dort! Die durfte ich natürlich auf keinen Fall verpassen. „Hier in Tansania haben wir viele Massai-Strauße“, erklärte uns Elly. „Das sind jetzt erst einmal zwei zur Einstimmung für euch“, schmunzelte er.
Die Löwen-Mamas und das große Wollknäuel
Und dann ging es Schlag auf Schlag. Wir bekamen den ersten Löwen des Tages zu Gesicht! Es war eine stolze Löwin. Bisher hatte ich Peilsender-Halsbänder nur bei Bären in den Nationalparks in Amerika gesehen, aber hier bei einer Löwin war das ein völlig ungewohnter Anblick. Das Halsband war unheimlich wuchtig, breit und mit zwei klobigen, dicken Gehäusen bestückt. „In der Regel werden die Löwinnen mit solchen Halsbändern ausgestattet“, erklärte uns Elly. „Durch ihren engen Sozialkontakt im Rudel kann die Forschung so unheimlich viele Daten über die Lebensweise aller Löwen gewinnen.“ Er schaute noch einmal genauer hin: „Zudem scheint es sich hier um eine trächtige Löwin zu handeln.“ Und tatsächlich, als ich meinen Blick fokussierte, sah ich es auch. Der Bauch war kugelrund und die Zitzen standen bereits deutlich hervor.
Während wir noch darüber fachsimpelten, ob der Nachwuchs wohl bald anstand, erblickten wir direkt daneben eine zweite Löwin, die bereits zwei winzige Löwenbabys im Schlepptau hatte! Sie schickte sich gerade an, es sich im Schatten der Sträucher gemütlich zu machen. Nicht weit von diesem Gebüsch trotteten im gleichen Moment drei etwas ältere Jungtiere – wohl die älteren Geschwister – gemächlich hinterher.
Süßes Knuddelknäuel
Elly tat uns den großen Gefallen, den Land-Cruiser noch etwas besser in Position zu bringen, sodass wir schließlich das gesamte, dösende Rudel perfekt im Blick hatten. Ich muss ehrlich zugeben: Wenn wir nicht die erste Löwin mit dem auffälligen Peilsender per Zufall entdeckt hätten, hätten wir dieses restliche Rudel im hohen Gras und im Schutz der dichten Sträucher niemals gefunden! Nun lagen die Raubkatzen über drei Plätze verstreut im Schatten. Obwohl sie in der riesigen Savanne unendlich viel Platz gehabt hätten, lagen sie auf ihren jeweiligen Plätzen eng zusammengeknuddelt wie ein riesiges Wollknäuel.
Zuerst dachten wir, dass in diese träge Gesellschaft am Vormittag keine Dynamik mehr hineinkommen würde. Doch weit gefehlt. Jedes Mal, wenn eine der großen Löwinnen aufstand, wurde im Anschluss prompt ein völlig neues Knäuel gebildet! Dabei gab jedes Tier ein kurzes, tiefes Knurren von sich, selbst die Kleinsten fletschten spielerisch kurz die Zähne, und im nächsten Moment kehrte sofort wieder absolute Ruhe im Knäuel ein. Wir beobachteten das Spektakel fasziniert und genossen den Anblick der kleinen Löwenbabys mit ihren unheimlich possierlichen Köpfen. Sie waren alle sichtlich wohlgenährt, was für ein hervorragendes Nahrungsangebot in diesem Revier spricht.
Ein junger Kater am Wasserloch
Plötzlich erhob sich ein junges, männliches Tier aus der Gruppe. Da er noch kein stattliches Fell aufwies, durfte er offensichtlich noch im schützenden Rudel bleiben. Er sorgte dieses Mal nicht für ein neues Einkuscheln, sondern trottete zielstrebig von den anderen weg. Erst jetzt sahen wir, warum: Ganz in der Nähe befand sich ein kleines Wasserloch. Der junge Löwe lief direkt darauf zu. Anstatt jedoch ein Stück weiter hineinzugehen, wo das Wasser richtig sauber war, ließ er sich ganz am schlammigen Rand nieder und begann, ausgiebig zu schlabbern. Seine Zunge legte sich flach auf die Wasseroberfläche, und mit einem gezielten Drehen der Zungenspitze zurück ins Maul beförderte er das Wasser hinein.
Wir hatten in meiner Kindheit auf unserem Hof ja immer viele Katzen, und ich musste unwillkürlich lachen: Es war exakt dieselbe Trinkbewegung! „Haben Löwen eigentlich auch so eine raue Sandpapier-Zunge wie unsere Hauskatzen?“, fragte ich Elly neugierig. Er nickte lächelnd – klar, die enge Verwandtschaft lässt sich eben auch bei den größten Raubkatzen nicht verleugnen! Dann grinste er schelmisch: „Mal ausprobieren? Mal lecken lassen…!“ Okay, danke für das Angebot, Elly, aber da bleibe ich dann doch lieber bei den heimischen Hauskatzen!
Nachdem der junge Mann seinen Durst gestillt hatte, schlappte er gemütlich zum Rudel zurück, wo umgehend das nächste Knäuel gebildet wurde.
Rote Ampeln in der Savanne
Weiter ging die Fahrt auf der Schotterpiste, aber eines wurde uns schnell klar. Vorfahrt hat man hier als Tourist im Grunde nie. Ob bei den ganz großen oder den ganz kleinen Bewohnern – im Tarangire heißt es für den Wagen immer: Vorfahrt gewähren!
Schon bald mussten wir wieder abrupt stoppen, weil von der linken Seite zwei mächtige Elefantenbullen die Piste kreuzten. Elly nutzte die Zwangspause natürlich sofort, um uns mit reichlich Fachwissen zu versorgen. „Mit zwei ausgewachsenen Elefantenbullen ist absolut nicht zu spaßen“, erzählte er ernst. „Gerade in den Anfängen meiner Karriere als Guide hatte ich da die eine oder andere ziemlich kritische Situation!“ Da wir jedoch in einem vorbildlichen, großen Sicherheitsabstand vor dieser „roten Ampel“ stehen geblieben waren, wanderten die beiden Riesen völlig tiefenentspannt über unseren Weg, würdigten uns keines Blickes und verschwanden im Busch. Zum Glück!
Elefanten mit Satelliten-Schüsseln
„Seht ihr dort die großen Satelliten-Schüsseln?“, scherzte Elly im nächsten Moment und zeigte auf die Ohren der Dickhäuter. Da hatte er uns wieder! Das erinnerte mich sofort an die Sache mit den „Klobrillen“ bei den Wasserböcken. Aber der Vergleich stimmt: Mit diesen riesigen Satelliten-Schüsseln können Elefanten den Schall direkt und gebündelt ins Trommelfell leiten. Einfach genial gelöst von der Natur! Über die großartige Funktion der Ohren zur Regulierung der Körpertemperatur hatte ich ja bereits in einem früheren Bericht geschrieben – für uns Menschen wirken diese fächernden Bewegungen einfach wunderschön, für die Elefanten sind sie schlichtweg überlebensnotwendig.
Kaum waren die Riesen weg, blockierten auch schon die nächsten Tiere die Schotterpiste. Eine Schar Perlhühner! Bestückt mit ihren markanten, knöchernen „Helmen“ auf den Köpfen liefen sie völlig furchtlos direkt vor unserer Stoßstange herum. Da hieß es wieder einmal: Motor aus, warten und Geduld haben. Das kann dauern! Unsere imaginäre Ampel war gefühlt schon längst wieder auf Grün gesprungen. Aber auch das ist Tansania. Man muss einfach die Zeit vergessen und warten können.















