Löwen-Stau, Ellys „umpen“ und die Wahrheit der Wildnis
Löwen-Stau und ein vergessenes Lunch-Paket
Eben noch standen wir im Tarangire an unserer imaginären roten Ampel, um einer furchtlosen Clique von Perlhühnern den Vortritt zu lassen. Im Land-Cruiser rätselten wir in der Zwischenzeit scherzhaft, wer wohl Männchen, Weibchen oder der Halbstarken-Nachwuchs in der bunten Truppe war.
Bevor wir jedoch weiterfahren konnten, summte plötzlich Ellys Handy – eine WhatsApp-Nachricht aus dem Camp. Er las kurz und schaute dann schmunzelnd zu uns nach hinten: „Wir haben unser Lunch-Paket im Camp vergessen!“ Ach, wie blöd! Und nun? Ein knurrender Magen mitten in der Savanne war schließlich keine Option. Für Elly war das allerdings überhaupt kein Grund zur Panik, sondern schlichtweg sein Job. Innerhalb von fünf Minuten hatte er per Telefon alles organisiert: „Alles geklärt, wir bekommen die Pakete heute Mittag direkt am Gate-Ausgang überreicht!“ Damit war das Thema für ihn erledigt, er startete den Motor und fuhr gut gelaunt wieder los.
Wir waren ja nun schon einige Stunden im Tarangire unterwegs und hatten bis zum Mittag noch ein bisschen Zeit. Erst im Nachhinein wurde uns klar: Elly ist mit uns den restlichen Vormittag quasi eine logistisch meisterhafte Schleife gefahren, um am Ende pünktlich am Gate anzukommen. Für uns dauerte die Fahrt dorthin noch gut zwei Stunden, während es vom Camp aus auf direktem Weg nur eine Stunde gewesen wäre. Es war also alles absolut perfekt gelöst!
Die Sache mit den Straußen und dem „Umpen“
Nach einer guten halben Stunde, in der es links und rechts der Schotterpiste erst einmal ruhig blieb, entdeckten wir von Weitem eine Gruppe Strauße (Ostriches) auf einer Lichtung. Wie Elly schon erwähnt hatte, ist das in Tansania kein ungewöhnlicher Anblick, da die riesigen Vögel hier sehr zahlreich leben.
Elly hielt den Wagen an, und wir zückten sofort unsere Kameras. Noch während wir konzentriert fotografierten, fing Elly plötzlich an zu „umpen“! Ja, du liest richtig: Er gab genau diese tiefen, dröhnenden Laute von sich, mit denen er sonst immer die Löwen angelockt hatte. Ich war total irritiert. Was bedeutete das jetzt – suchte er nun Strauße oder Löwen?
Aber die Reaktion der Tiere war faszinierend: Bei jedem seiner Laute reckten die Strauße neugierig die Hälse und schauten zu uns herüber. Sie wirkten überhaupt nicht ängstlich, so nach dem Motto „Oh Schreck, ein Löwe ist in der Nähe!“, sondern waren einfach nur extrem aufmerksam. Die afrikanische Tierwelt ist einfach erstaunlich. Was ich bis dahin nämlich nicht wusste: Straußen-Männchen können tatsächlich einen tiefen, dröhnenden Laut ausstoßen, der dem Brüllen eines Löwen zum Verwechseln ähnlich ist!
Können Strauße fliegen?
Aus der Nähe betrachtet sah jedes dieser Tiere unheimlich struppelig und – Verzeihung für den Ausdruck – irgendwie schmutzig aus. Viele ihrer Federn waren tiefschwarz, andere schlammbraun. Sie wirkten insgesamt ziemlich zerzaust. Während wir im Auto darüber fachsimpelten, erklärte uns Elly das Phänomen: „Diese weichen, lockeren Federn können sich im Gegensatz zu flugfähigen Vögeln nicht stromlinienförmig zusammenziehen. Das macht sie schlichtweg flugunfähig!“ Von der reinen Muskelkraft her wären sie wohl theoretisch dazu in der Lage, aber die Federstruktur und der gesamte Körperbau verhindern es. Fliegen klappt also nicht – dafür können sie laufen, und das in einem rasanten Tempo! Ihre Beine sind extrem stabile, muskulöse Werkzeuge. Ein absolut geborener Sprinter der Savanne.
Löwin mit Peilsender
Und dann schlenderten auf einmal zwei Löwen im hohen Gras neben unserem Land-Cruiser entlang. Hatten sie Elly gehört? Hatten sie das „Umpen“ im Gespräch bei den Straußen mitbekommen oder waren sie hier sowieso gerade unterwegs? Egal, nun waren sie da. Mit den beiden Löwen war auch noch ein anderer Land-Cruiser an der Stelle angekommen. Bestimmt hatte Elly sich vorab kurz mit dem Kollegen ausgetauscht, aber über ein kurzes „Asante sana“ (Vielen Dank) oder „Karibu sana“ (Herzlich willkommen) ging unser Funk-Suaheli noch nicht hinaus, sodass wir bei dem schnellen Gespräch nichts verstehen konnten.
Und da war sie wieder. Eine Löwin mit einem Peilsender. War es die Löwin von heute Morgen oder doch eine andere? Elly schmunzelte: „Nein, es ist nicht die Löwin von heute Morgen. Hier im Tarangire haben wir ungefähr zehn Löwinnen mit einem Peilsender, die allesamt überwacht werden.“
Elly erzählte uns weiter, dass ihm die Reviere dieser Löwinnen zwar bekannt sind, es aber trotzdem nicht so einfach ist, sie tagsüber im hohen Gras wirklich zu Gesicht zu bekommen. Standortmäßig war für ihn die Sache also klar. Aber ganz ehrlich: Erkennt ein Guide die Tiere im Vorbeifahren wirklich so schnell an feinen Körpermerkmalen? Fragen über Fragen! Ich werde mir die Fotos zu Hause jedenfalls einmal ganz genau ansehen. Junge Löwinnen rein optisch zu unterscheiden, scheint echt eine Wissenschaft für sich zu sein. Es ist und bleibt spannend. Die beiden Löwinnen vor uns auf der Schotterpiste blieben von unserem Fachsimpeln vollkommen unbeeindruckt, schlenderten ruhig dahin und verschwanden dann wieder im hohen Gras.
Löwen-Stau auf der Schotterpiste: Fahrradfahrer-Taktik in Afrika
Eigentlich wollte Elly gerade wieder Gas geben, doch als wir nach rechts blickten, wurde es plötzlich richtig voll auf der Piste: Ein waschechter Löwen-Stau! Drei jüngere Löwen schlenderten in aller Seelenruhe mitten auf dem Weg vor uns her.
Ich musste unwillkürlich lachen und meinte zu Bernd: „Das ist ja genau wie bei uns in Europa auf den Straßen! Sorry an alle Fahrradfahrer, aber das Bild ist identisch. Zwei bummeln nebeneinander und einer eiert schlingernd vorneweg!“ Aber wir hatten es ja absolut nicht eilig, und in Afrika gilt nun mal die goldene Regel: Löwen haben immer Vorfahrt! Also Motor aus und die Zeit für fantastische Reiseblog-Fotos nutzen!
Kurz darauf gesellte sich noch ein weiterer junger Löwe dazu. Bei ihm konnte man ein wunderschönes Detail beobachten. An seinem Bauch und den Innenseiten der Beine hatte er noch die typischen, bräunlichen Jugend-Flecken – von ganz kleinen Punkten bis zu kreisrunden Flecken. Elly schätzte ihn auf etwa sechs Monate. Eines der jungen Männchen in der Gruppe hatte zwar ebenfalls noch diese Flecken an den Beinen, aber sein Hals wirkte schon unheimlich wuchtig und man konnte bereits den ersten Haar-Ansatz einer beginnenden Löwenmähne erkennen. Da alle Tiere noch recht jung waren, durften sie offensichtlich noch im schützenden Familienverband bleiben. Nur eines hatten sie alle gemeinsam. Unmengen von Fliegen, die unaufhörlich um ihre Köpfe und Körper wuselten.
Simba und das Gesetz der Wildnis: „Das ist eben Natur!“
Dann kam der absolute Herzklopfen-Moment: Der kleine „Simba“ betrat die Bildfläche. Zusammen mit seinem kleinen Geschwisterchen und der Löwenmama. Die beiden Kleinen mit ihren tiefen, rehbraunen Augen und den samtweichen Ohren sahen einfach herzzerreißend süß aus, obwohl sie im Maul schon erstaunlich kräftige, spitze Zähne aufblitzten ließen. Ihr drolliges Aussehen lässt einen für einen kurzen Moment an eine heile, wunderschöne Disney-Welt glauben. Doch schaut man genauer hin, zeichnet die Wildnis ein ganz anderes, unbarmherziges Bild.
Die Löwenmama war auf ihrer gesamten linken Rückenseite von einer tiefschwarzen Wolke aus unzähligen kleinen Fliegen belagert. Bei den Babys war keine einzige Fliege zu sehen – warum also ausgerechnet bei der Mutter? Beim Heranzoomen mit der Kamera erkannten wir den Grund. Die Löwin musste vor Kurzem in einen heftigen Kampf verwickelt gewesen sein. Ihr ganzer Rücken war übersät mit frischen Schrammen und Rissen im Fell. Genau diese Wunden zogen die Fliegen magisch an, die nun in den Rissen saßen.
„Sie wird sich diese Verletzungen bei der Verteidigung ihres Nachwuchses zugezogen haben“, erklärte Elly ernst. Eine Löwenmama muss in der afrikanischen Savanne ununterbrochen auf der Hut sein. Eine Schonfrist gibt es für Mütter in der Wildnis nicht. Entweder hatte ein fremdes Männchen versucht, das Rudel zu übernehmen (wobei die neuen dominanten Männchen die Babys des Vorgängers töten), oder es gab Revierstreitigkeiten mit einem fremden Rudel. Sogar harte Rangordnungskämpfe innerhalb der eigenen Familie kommen vor. Während ich das Ganze aufmerksam und analytisch beobachtete, klopfte mir Elly sanft auf die Schulter: „Das ist die Natur!“
Das einsame Impala und die „Follow-Me“-Zeichen
Kurze Zeit später entdeckten wir im Schatten einer kleinen Baumgruppe ein einsames Impala-Männchen. Er stand dort ganz alleine. Warum war er nicht bei einer schützenden Männchen-Gruppe? Da uns der Zustand der Löwenmama noch beschäftigte, musterten wir den Bock ganz genau.
Und schnell wurde klar, was ihm fehlte. Das arme Tier hatte eine massive, dicke Schwellung am hinteren linken Oberschenkel. „Diese Verletzung behindert ihn extrem beim Laufen“, stellte Elly sofort fest. „Dadurch konnte er mit dem Tempo seiner Gruppe nicht mehr mithalten und ist schließlich zurückgeblieben.“ Und da war er wieder, Ellys unausweichlicher Safari-Satz: „Auch das ist Natur.“ Der Impala-Bock wirkte bereits sichtlich geschwächt. Und genau das zieht in Afrika sofort die Parasiten an. Sein Körper war über und über mit den kleinen, schwarzen Fliegen bedeckt. Unterm Bauch, auf dem Rücken und besonders schlimm am verletzten Bein.
Zwischen Elly und mir entwickelte sich daraufhin sofort ein faszinierender fachlicher Austausch. Er argumentierte als erfahrener Guide, während ich die Situation automatisch mit den Augen einer Tierheilpraktikerin betrachtete. In Gedanken war ich im ersten Moment sogar schon bei der passenden Behandlung mit Globuli und Co., so wie ich es von unseren heimischen Haustieren kenne.
Die Natur ist erfinderisch
Elly lenkte unseren Blick dann jedoch wieder auf ein biologisches Detail: „Schaut euch das Impala jetzt trotz allem einmal ganz genau an. Seht ihr an den Fersen diese schwarze Fellzeichnung? Und dann direkt am Hinterteil die drei markanten, vertikalen schwarzen Streifen, die strahlend weiß umrandet sind? Das sind in der Tierwelt die berühmten ‚Follow-Me‘-Zeichen (Folge-mir-Zeichen)!“ Wenn eine Impala-Herde auf der Flucht ist, dienen diese leuchtenden Streifen am Hintern des Vordermanns den nachfolgenden Tieren im dichten Staub als perfektes Orientierungssignal.
Eine geniale Lösung der Natur!
In Gedanken feilte ich in diesem Moment bereits an meinem nächsten Artikel über die wunderbare Funktionalität und die unendliche Schönheit der Schöpfung.
Mit diesen tiefen Eindrücken im Herzen erreichten wir schließlich das Gate – und unsere wohlverdienten Lunch-Pakete.











