Die Tierwelt im Lake Manyara Nationalpark im Wandel
Wie ich bereits erwähnt hatte, fehlt seit einigen Jahren die große Uferzone mit ihren saftigen Weideflächen. Die Tiere haben sich deshalb noch stetiger in die dichten Wald- und Gebüsch-Streifen am Hang des Afrikanischen Grabenbruchs zurückgezogen. Sie mussten über die Jahre lernen, auf viel engerem Raum gemeinsam zurechtzukommen. Für uns Safari-Gäste sind die Tierbeobachtungen entlang der Schotterwege durch diese landschaftlichen Veränderungen jedoch umso intensiver geworden!
Begegnung im Dickicht: Die Anubis-Paviane im Lake Manyara NP
Bereits kurz nach der Einfahrt in den Nationalpark konnten wir die ersten Paviane direkt an und auf der Schotterpiste beobachten. Mitten auf dem Weg waren sie natürlich nicht zu übersehen – im dichten Unterholz daneben dagegen nur schwer auszumachen.
Wir schauten uns die Tiere ganz genau an: Das grau-braune Fell mit seinem deutlichen Olivschimmer lässt sie im Wechselspiel von Licht und Schatten förmlich mit dem Geäst verschmelzen.
„Die Streitkräfte haben sich ihre Farben für die Tarnnetze bestimmt genau hier abgeschaut!“, dachte ich bei mir.
Elly bremste sanft ab und schmunzelte: „Die Paviane lieben das Verweilen auf den Schotterpisten. Sie genießen die freien Flächen und an die Geländewagen haben sie sich längst gewöhnt.“
Heute waren die Affen uns zum Glück wohlgesonnen und gaben nach gut fünf Minuten den Weg frei. Elly erzählte: „Hier habe ich auch schon mal sehr lange gestanden. Selbst ein ganz langsames Heranfahren ermutigt sie manchmal einfach nicht zum Aufstehen!“
Über die gesamte Strecke hinweg hatten wir an die fünfzig Paviane gesehen. Ich fand diese Zahl schon extrem beeindruckend, doch Elly legte noch eins drauf: „Wir haben hier im Park eine weltweit außergewöhnlich hohe Paviandichte. Die Rudel, die sogenannten ‚Troops‘, sind riesig und umfassen nicht selten an die hundert Tiere!“
Die Wahrscheinlichkeit, hier keine Paviane zu sehen, geht also gegen Null.
Großes Kraulen: Sozialverhalten und Power-Snacks
Während die Bande die Piste blockierte und wir geduldig warteten, konnten wir ihr Sozialverhalten aus nächster Nähe beobachten. Einige ältere Paviane saßen leicht erhöht auf Baumstümpfen und hatten die gesamte Umgebung aufmerksam im Blick. Andere dösten tief unten im Gestrüpp, saßen zu zweit auf Astgabeln oder lümmelten mitten auf dem warmen Schotter. Einige Jungtiere balgten miteinander, ein paar knabberten an frischen Blättern, und der große Rest war völlig vertieft in gegenseitige Fellpflege.
Das sogenannte „Grooming“ hatten wir zwar schon im Arusha Nationalpark gesehen, aber hier im Manyara gab es unglaublich viele Paare beim Kraulen und Lausen.
Es war faszinierend zu sehen, mit welcher Ruhe das abging: Ein Tier sitzt ganz entspannt da, streckt ab und an ein Bein zum Partner hinüber oder stellt sich geduldig auf alle viere. Der Partner geht dann akribisch Fellstelle für Fellstelle durch und sucht nach Parasiten. Die Ausbeute wandert ohne Umwege direkt vom Finger in den Mund – ein echter, frischer Power-Snack! Denn rein biologisch bieten die Parasiten genau das, was ein vollwertiges Nahrungsergänzungsmittel braucht: Proteine, Fette, Salze und Mineralien.
Giraffen, die Zungen-Künstler
Dann wurde es spannend: Im Dickicht konnten wir die ersten Giraffen erhaschen. Ich fing an zu zählen – 1, 2, 3 – und am Ende waren es ganze 15 Tiere!
Waren die Maasai-Giraffen im Arusha-Nationalpark noch ein auffälliger Farbtupfer in der Graslandschaft mit dem Kilimandscharo im Hintergrund, stand hier im Manyara die Tarnung im Dickicht im Vordergrund. Und das funktioniert perfekt! Die weinblattähnlichen Flecken und die eher weißlichen, langen Beine fügen sich hervorragend in die Landschaft ein. Vorne getrocknete Dornensträucher, dann die Giraffen und um sie herum die vielen Schirmakazien: Im Spiel von Licht und Schatten verschmelzen die Giraffen regelrecht mit ihrer Umgebung.
Perfekte Anpassung an die Dornensträucher
Eine junge weibliche Giraffe – gut zu erkennen an den dunklen Haarbüscheln auf ihren Hörnern – tat uns den Gefallen und schaute direkt in unsere Richtung. Wir konnten genau zusehen, wie sie genüsslich an einer Akazie mit ihrer langen Zunge das Grün abpflückte. Unser Blick klebte förmlich an ihrem Kopf: Der Unterkiefer bewegte sich beim Kauen bedächtig hin und her, die Nasenlöcher waren wie kleine Ventile eng zugedrückt, um keine Dornen oder Staub hineinzubekommen. Die Trichterohren wurden flink vor und zurück geklappt, um lästige Fliegen abzuwehren.
Aber das Beste war die lange, blaue Zunge: Sie schnellte heraus, bog sich schwungvoll nach oben – und schwupps, reinigte sie kurz die eigenen Nasenlöcher!
Danach ging das Spiel von vorne los: Genüsslich einen Zweig mit der Zunge erwischen und ab ins Maul damit. Während sich der Zweig vor ihrem Maul hin und her bewegte, konnten wir einen kurzen Blick auf ihre Schneidezähne erhaschen. Sie glichen verblüffend den Zähnen einer Ziege zu Hause. Elly war begeistert über meine Beobachtungsgabe und legte noch eins drauf:
„Sie haben nur im Unterkiefer Schneidezähne! Im Oberkiefer besitzen sie eine harte Hornplatte. Das perfekte Zusammenspiel von Zähnen, Platte und Zunge lässt sie die Blätter und dornigen Zweige besonders gut abrupfen.“
Immer wieder klappten die muskulösen Ohren nach vorne und hinten. Dann fiel uns der lange Hals auf: Während sich am Hals noch die größeren, unregelmäßigen braunen Farbtupfer befanden, verjüngten sie sich nach oben hin zum Kopf immer weiter. Viele kleine Farbtupfer, wunderschöne lange Wimpern, puschelige Haarbüschel auf den Hörnern und ein schmaler, eleganter Kopf. Mit diesen wunderbaren Eindrücken ging es weiter hinein in den Nationalpark.
Büffelherde unter Akazien
Ganz in der Nähe der Giraffen zeigte sich uns eine sehr große Büffelherde. Die Landschaft war hier wieder ein Stück weit anders: Viele Schirmakazien und dichtes, grünes Gestrüpp – ideales Raufutter für die Büffel! Die früheren Wiesen direkt am See sind ja leider überflutet, und so trifft man die Tiere nun eher am Waldrand unter den ersten Akazien an.
Es war eine relativ große Herde; wir hatten knapp 50 Tiere gezählt. Während ich meine Fotos machte, versuchte ich gleichzeitig zu erkennen, ob es sich um männliche oder weibliche Tiere handelte. Im hohen Gras war das gar nicht so einfach, also orientierte ich mich an den Köpfen und Hörnern.
„Die Kühe haben einen eher zierlichen Kopf und die Hörner liegen seitlich an. Die männlichen Büffel hingegen haben einen wuchtigen Kopf, und ihre Hörner sind extrem massiv – auf der Stirn wachsen sie zu einem dicken Schild zusammen“, erklärte uns Elly gewohnt anschaulich.
Also ging ich die Tiere der Reihe nach durch: Männlich, weiblich, weiblich… Ob ich jedes Mal richtig lag? Nun ja, es könnte zumindest gepasst haben!
In den letzten Tagen hatte es hier wohl geregnet, sodass der Boden noch sehr feucht war – ideal für die Büffel, um sich ein paar herrliche Suhlstellen anzulegen. Und das taten sie ausgiebig! Die Feuchtigkeit lockte leider auch Unmengen von Fliegen an. Umso wichtiger waren die Schlamm- und Sandkuhlen für die Fellpflege der Tiere.
Die Ruhe in der Herde nutzten auch die vielen Rotschnabel-Madenhacker: Die Büffel akzeptierten die kleinen Vögel bereitwillig auf ihrem Rücken und sogar ganz vorne auf der Stirn. Diese Symbiose hatte Elly schon öfters erwähnt, und auch hier in dieser Herde gehört sie einfach unverzichtbar dazu.








