Madeira – Der mystische Norden
Der mystische Norden von Madeira – Hawaii-Feeling, Canyoning und der Feenwald im Nebel
Nach unserer ersten Woche im Süden hieß es: Koffer packen! Der mystische Norden von Madeira wartet, genauer gesagt Seixal! Wenn du diese Insel umrundest, wirst du alles erleben. Ein einziger Frühlingstag kann hier gleichzeitig sonnig, frostig, windig und regnerisch sein. Madeira ist einfach die Insel der vielen Gesichter und des ewigen Frühlings, geprägt von vielen verschiedenen Mikroklimata!
Wer ein wenig hawaiianisch anmutende Natur erleben möchte, ist hier im Norden goldrichtig. Die Morgensonne im Zusammenspiel mit den vorbeiziehenden Nebelschwaden und den riesigen, tiefgrünen Felsformationen hat Bernd sofort an Hawaii erinnert.
Da die Hauptverkehrsader ein Stück oberhalb durch einen Tunnel geführt wird, gibt es in diesem kleinen Ort kaum Autoverkehr. Seixal wirkt dadurch wunderbar ursprünglich. Die wenigen Straßen, die sich durch das Dorf schlängeln, sind zwar auch sehr eng, aber zum Glück nicht stark befahren. Unser Appartement lag ganz oben an der Ausfallstraße, sodass wir von unserem kleinen Balkon einen fantastischen Blick auf die gesamte Bucht hatten.
Ganz unten in der Bucht liegt der bekannte kleine Sandstrand. Der Sand ist vulkanischen Ursprungs und dadurch tiefschwarz – ein absolutes Unikat für die ganze Insel! Direkt neben dieser Bucht befindet sich einer der vielen natürlichen Swimmingpools. Umschlossen von gewaltigen Felsen laden sie selbst die Kleinsten zum geschützten Baden ein, während draußen auf dem offenen Meer die großen Wellen unbarmherzig gegen die Steine peitschen.
Erster Besuch im Parque Florestal do Fanal: Wo die Feen barfuß tanzen
Gut eingepackt in Winterjacke – und ich zusätzlich in Thermohose – ging es von unserem Quartier das erste Mal hinauf in Richtung des berühmten Lorbeerwaldes Parque Florestal do Fanal. Das Wetter war zum Glück nicht allzu regnerisch, aber doch ein wenig kalt. Warum ich hier absichtlich schreibe „nur ein wenig kalt“, erklärt sich gleich von ganz alleine!
Kurz bevor wir den Parkplatz erreichten, wurde es an den Straßenseiten voll. Es wurde mehr als wild geparkt. „Okay, hier sind wir richtig!“, dachten wir uns. Zwei kleine Parkplätze und doppelt so viele Autos – jede noch so winzige Lücke wurde ausgenutzt. Dieser Ort ist eben nicht nur für Liebhaber des Feen-Waldes eine Anlaufstelle, sondern auch für die vielen Wanderer, die von hier aus entlang der Levada dos Cedros starten wollen.
Jetzt am Vormittag war es allerdings überhaupt nicht diesig, und das gesamte Gebiet erschien uns erst einmal gar nicht so mystisch. Die alten Lorbeerbäume ließen nur erahnen, wie es hier bei Nebel und schummrigem Licht sein würde. Durch die heftigen Regenfälle der letzten Tage waren die vielen Grasmatten rund um die Baumlandschaft völlig aufgeweicht und oft von den vielen Besuchern zertrampelt. Es war stellenweise einfach nur matschig.
Viele dieser Lorbeerbäume sind nachweislich älter als 500 Jahre. Auch hier zeigt sich die Natur wieder extrem einfallsreich: Durch die starken Winde sind die Bäume genauso gewachsen, wie der Wind es zugelassen hat. Zur Windseite hin haben sie oftmals ihr Wachstum eingestellt und sind nur in die entgegengesetzte Richtung weitergewachsen. Einfach phänomenal! Erst im hohen Alter bilden die Bäume zudem diese knotigen Auswüchse an ihren Stämmen und im Wurzelbereich aus, die zu ihrer skurrilen Erscheinung beitragen. Durch die herrschende hohe Luftfeuchtigkeit sind die Äste an der Nordseite dick mit Moosen und Flechten bewachsen.
Tanzende Feen
Trotzdem werden die frei zugänglichen Bäume natürlich unentwegt als Fotomotiv für Selfies und professionelle Shootings genutzt. Und apropos mystisch: Mitten im Wald, an einigen der freistehenden Bäume, hatten sich an diesem Tag tatsächlich echte „Feen“ versammelt!
Mit wehenden, weißen Kleidern tanzten Frauen um die Lorbeerbäume herum. Es war eigentlich klirrend kalt – jedenfalls dachte ich das in meiner Thermohose bis zu diesem Moment –, aber für die Feen galt das wohl nicht. In ihren dünnen Leibchen, mit wehenden Haaren und barfuß tanzten sie durch den Matsch, umarmten und liebkosten die Stämme. Was auch sonst, es sind halt Feen! Für das perfekte Social-Media-Foto wird man eben auch schnell mal zur Fee.
Und dann gibt es hier oben auch noch einen kleinen Wassertümpel mit unzähligen Fröschen, die fröhlich und lautstark vor sich hin quakten. Ein herrlicher Ort!
Wenn der Nebel kommt: Jetzt wird es richtig mystisch!
An einem anderen Tag saßen wir den ganzen Vormittag auf dem kleinen Balkon unseres Appartements in Seixal. Einfach mal die Seele baumeln lassen, ein bisschen über Madeira schreiben und die Szenerie genießen. Vor uns lagen die steilen Felswände, in deren Hängen sich leichter Nebel festgebissen hatte. Der Atlantik sah ruhig aus, aber an den vielen kleinen Felsen in der Bucht – den Ilhéus – brach sich die Gischt. Ein wunderbar friedlicher Moment.
Plötzlich wurde Bernd hektisch! „Das könnte heute was werden!“, rief er und brach Hals über Kopf seine Zelte auf dem Balkon ab. Ja, was denn bitteschön? Ich hatte es erst gar nicht verstanden. Dann zeigte er auf die dichten Nebelschwaden, die sich oberhalb der Felsen gebildet hatten und träge über die Kuppen glitten. „Es könnte jetzt genau die richtige Mystik im Fanal-Wald geben!“ Jetzt war ich natürlich sofort dabei, kapierte und packte ebenfalls blitzschnell meine Sachen.
Von Seixal aus fährt man etwa eine halbe Stunde bis hoch in den Wald. Dieses Mal parkten wir gar nicht erst am Hauptparkplatz, sondern blieben weiter vorne an der Straße stehen. Von hier aus wandert man direkt zu den Lorbeerbäumen hinüber. Links lag wieder der kleine Froschtümpel, auf der großen Wiese grasten friedlich die Kühe, und rechts vor uns erhoben sich die uralten Bäume.
Im Fanal-Wald bist du nie allein
Wir hielten direkt auf die freistehenden Bäume zu – die eingezäunten sind zwar wunderschön, aber der Zaun verhindert einfach ein gutes Foto. Und der Nebel meinte es an diesem Tag unglaublich gut mit uns! Er zog dicht aus der Tiefe herauf und kroch spürbar über die Flächen. In dem einen Moment wurde ein Baum noch von der Sonne hell angestrahlt, und im nächsten Augenblick war er komplett im dichten Grau verschwunden. Seine knorrigen Verzweigungen gaben dem Ganzen eine unvergleichliche, mystische Atmosphäre.
Natürlich waren wir auch bei diesem Wetter nicht alleine hier oben. Überall schwärmten sie aus: Influencer und Paare auf der Suche nach dem perfekten Bild. An fast jedem markanten Baum bot sich das gleiche Bild: die Frau mit wehenden Haaren (oft wieder im Kleid) und nicht weit davon entfernt der Mann, der treu seine Aufgabe erfüllte. Das Handy gezückt, gab er Kommandos, und sie setzte sie um. Dazwischen sah man die Profi-Fotografen mit schweren Kameras und Stativen, die geduldig auf den perfekten Moment lauerten.
Aber dazwischen bewegten wir uns eben auch. Ich wanderte von Baum zu Baum und machte meine Fotos. Der Nebel spielte ein faszinierendes Spiel mit uns: Er kam, hüllte die Bäume komplett ein, verschwand für ein paar Minuten und kam dann von der anderen Seite wieder zurück. Man musste unheimlich schnell sein beim Fotografieren! Aber wir hatten sie am Ende definitiv gefunden: die ganz tiefe Mystik der Lorbeerbäume und die echten Feen in diesem Wald. Ich habe sie alle gesehen!
Canyoning bei Seixal: Die ungezähmte Seite der Insel
Nachdem wir aus dem Fanal-Wald zurückgekehrt waren und zu Mittag gegessen hatten, wollten wir noch in die Schlucht direkt bei Seixal fahren. Leider waren wegen der heftigen Regenfälle der vergangenen Tage fast alle offiziellen Zugänge für Wanderer gesperrt – dem wechselhaften Wetter geschuldet. Wir sind dann aber trotzdem los, um wenigstens ein kleines Stück in diese Richtung zu wandern.
Kurz hinter der Casa de Pasto Justiniano parkten wir unsere „Mimi xx“ und liefen los. Viel gab es auf dieser gesperrten Strecke im ersten Moment nicht zu bestaunen: einzelne Kühe, die traditionell über ihre Hörner angebunden waren und genüsslich vor sich hin grasten, und Ziegen an langen Leinen, die inmitten des grünen Dickichts sich selbst überlassen waren. Neben ihnen ein mit Wasser gefüllter Trog, das war’s. Jedes Land hat eben seine ganz eigene Art, mit Tieren umzugehen.
Durch den vielen Regen, der hier das ganze Jahr hier fällt, ist die Natur im Norden unheimlich grün. Für mich fühlt sich das hier an wie ein echter, unberührter Urwald (wobei im Reiseführer ja meistens der Fanal-Wald so bezeichnet wird). Während im Süden die Bananenstauden das Landschaftsbild absolut dominieren, ist hier im Norden alles wild, grün und feucht. Hier ist kein Platz für die sonnenverwöhnten Bananen. Stattdessen bestimmen riesige Farne, dicke Moosteiche und gigantische Bäume das Bild. Madeira ist wahrlich eine Insel mit zwei völlig unterschiedlichen Gesichtern!













