Madeira – Tradition, Pragmatismus und Hinterhof-Idylle
Das echte Leben hinter den Kulissen – Tradition, Pragmatismus und Hinterhof-Idylle in den Steilhängen
Bei den vielen Autofahrten durch die kleinen Orte abseits der großen Tunnel wirken die Häuser an den fernen Hängen zunächst unheimlich traditionell. Sie strahlen in hellen Farbtönen, und ihre Dachpfannen glänzen malerisch in der Sonne. Dazu kommen die liebevoll angelegten Terrassengärten mit Wein, Bananen und vielen anderen Pflanzen.
Erst wenn man sich zu Fuß aufmacht und durch die engen Gassen entlang der Hinterhöfe wandert, offenbart sich ein ganz anderes, faszinierendes Bild. Hier hat die Neuzeit schon vor vielen Jahren Einzug gehalten. Viele dieser Häuser bestehen heute aus einem spannenden Mix aus traditioneller und neuzeitlicher Bauweise.
Es ist ein permanentes Wechselspiel: von alten, traditionellen Baumaterialien bis hin zu unansehnlichen Betonstrukturen, von halbfertig gebauten Häusern bis zu verfallenden Ruinen. Hier zeigt sich ganz pragmatisch das Lebensmotto der Inselbewohner: Es wird so viel gemacht, wie gerade muss, so viel, wie eben kann – und was keinen Sinn mehr macht, das lässt man eben liegen.
Aber ein einziger Blick von unserem Balkon auf den kleinen Ort lässt all diese unperfekten Ecken sofort wieder verblassen. Der unvergleichliche Charme der traditionellen Häuser siegt am Ende immer und wird von uns in unzähligen Panorama-Fotos festgehalten.
Terrassenartiger Fußmarsch durch die Häuser-Landschaft von Seixal
Die meisten Häuser hier im kleinen Ort Seixal liegen nicht direkt an einer der wenigen ausgebauten Straßen. Sie sind oft nur über schmale Fußwege erreichbar – mal mit steilen Treppenstufen, mal ohne. Es sind Wege, die entweder wie ein Labyrinth die Häuser miteinander verbinden oder abrupt in einer Sackgasse enden.
Fernab des Massentourismus verbinden diese Pfade die kleinen, traditionellen madeirischen Häuser. Man wandert vorbei an kleinen grünen Oasen und Hinterhöfen – und natürlich vorbei an den örtlichen Hunden, die sich oft lauthals über unseren unerwarteten Fußmarsch beschwerten! Die Katzen der Nachbarschaft waren da deutlich entspannter: Nach ihren nächtlichen Streifzügen ruhten sie sich lieber ausgiebig in der warmen Sonne am Wegesrand, auf den Mauern oder den Dächern aus.
In den Höfen sieht man übrigens erstaunlich wenige spielende Kinder. Es sind eher die älteren Menschen, die oft mit ihren Gehhilfen trotz allem geschäftig ihren täglichen Aufgaben auf dem Hof nachgehen. Die Menschen in Seixal sind alt, und sie passen auf eine ganz ehrliche, rührende Weise zu ihren historischen Häusern und den geschichtsträchtigen Höfen.
Muttertags-Impressionen und ein waghalsiger Abstieg
In den wenigen sonnigen Stunden am Muttertag hatten wir es unserem kleinen Balkon gemütlich gemacht. Bei Kaffee und einer feinen Kuchenauswahl genossen wir die fantastischen Impressionen: der Blick über Seixal auf das offene, weite Meer, die wärmende Sonne und die tiefgrünen Steilhänge. Genau mit diesen Eindrücken im Kopf habe ich mich auch direkt dem Schreiben dieses Reiseberichts gewidmet! Immer wieder schweifte mein Blick hinab zum schwarzen „Sand Beach“ und rauf aufs Wasser. Bloß nichts verpassen! Gibt es hier vielleicht Wale oder Delfine zu entdecken? Was treiben die Menschen an ihren Häusern?
Plötzlich kam eine Gruppe junger Leute direkt neben unserem Haus den Hang herauf. „Schau mal, da muss es doch noch einen Weg direkt runter zwischen den Häusern in Richtung Strand geben!“, meinte ich zu Bernd.
Später am Abend haben wir es dann einfach ausprobiert. Und was soll ich sagen? Es war ein echtes, kleines Abenteuer und stellenweise durchaus waghalsig! Die extrem schmalen Betontreppenstufen waren direkt an die Außenwände der Häuser gemauert. Mal gab es ein rostiges Geländer, mal suchte man vergeblich nach Halt. Jede einzelne Stufe war anders geformt – man musste wirklich verdammt genau hinschauen, wo man hintritt!
Der Blick hinter die Kulissen
Gerade hier öffnete sich wieder der ungeschönte Blick in die Hinterhöfe:
- Eine Hose lag achtlos zwischen zwei Treppenstufen.
- Eine Kiste mit Gerümpel und ein alter Staubsaugerrüssel standen in der Ecke.
- Zerbrochene Tontöpfe stapelten sich neben ausgedienten Gegenständen.
Gleichzeitig sah man unter einigen Unterständen die frische, saubere Wäsche vom Vormittag im Wind wehen, und eine Katze starrte felsenfest konzentriert auf ein unsichtbares Ziel im Gebüsch. Neben den Stufen verlief eine kleine Levada, die an diesem Abend allerdings kein Wasser führte. Links und rechts der Stufen blühten die Kartoffelpflanzen in voller Pracht, und die Weinreben waren sorgsam von getrockneten Ginsterzweigen umsäumt. Es ist ein Bild, das sich immer wiederholt – und uns Schritt für Schritt tiefer hinab zum Strand führte.
Für den Rückweg haben wir diesen schmalen Pfad direkt noch einmal gewählt. Es war anstrengend, aber eben auch etwas ganz Besonderes, das man auf den normalen Touristenpfaden niemals erlebt.
Landwirtschaft im Hinterhof: Eine Hommage an meine Kindheit
Die Hinterhöfe mit ihren kleinen und größeren landwirtschaftlichen Nutzflächen haben mich unheimlich an meine eigene Kindheit im Dorf erinnert. In meiner Kinderzeit wurde damals noch auf absolut jeder freien Fläche Gemüse und Obst für den eigenen Bedarf angebaut. Das ging bei uns in Deutschland erst zurück, als die großen Supermarktketten selbst in den kleinsten Orten Einzug hielten. Plötzlich war es oft günstiger und bequemer, den täglichen Bedarf zu kaufen, anstatt ihn mühsam selbst zu erarbeiten.
Hier auf Madeira ist dieses ursprüngliche Leben jedoch noch absolut lebendig und allgegenwärtig! Fast jede freie Fläche in den steilen Hinterhöfen wird clever landwirtschaftlich genutzt. Da sieht man eine kleine Reihe stolzer Maispflanzen, frische Küchenkräuter, ab und an ein paar Bananenstauden und direkt daneben ein oder zwei gepflegte Reihen Wein.
Die Madeirenser nutzen den fruchtbaren Vulkanboden und das milde Klima perfekt aus, um sich ein großes Stück Selbstversorger-Freiheit zu bewahren. Es ist eine wunderschöne Tradition, die dem Norden der Insel seinen ganz ehrlichen und unverfälschten Charakter verleiht.






